Oh nein, ich habe keinen Beruf

Als wir 2009 am New Yorker Flughafen gelandet sind, musste man seinen Beruf angeben. Ich hatte grade mein Studium abgeschlossen – ein Studium ist kein Beruf, also schrieb ich Fotografin. Immerhin hatte ich damit die letzten beiden Jahre meines Studiums finanziert. Paul schrieb Chirurg, er trug ein Marvel T-Shirt, wir kannten uns erst seit sechs Wochen, meine Mutter fand, er sah aus wie zwanzig. „Schreiben sie bitte wirklich hin was sie sind“, murrte der Mann am Flughafen. Paul grinste.

Danach schrieb ich einige Jahre „Fotografin“ auf Dokumente, wenn danach gefragt wurde. Paul schrieb irgendwann nicht mehr „Chirurg“, weil er Chirurgie doof fand – ich kann es total nachvollziehen. Er schrieb auch seinen Doktortitel auf nicht ein einziges Dokument, keinen Privatdozenten und er wird auch keinen Professorentitel irgendwo hinschreiben – dass ist der Grund, warum wir beim Autokauf und bei der Bank nie ernst genommen werden. Egal.

Der große Unterschied aber ist – dass er diese Titel hat. Und ich nicht.

Er hat einen Beruf – und ich nicht.

Es ging schon damit los, dass ich es sinnvoll fand, nach meiner Fehlentscheidung Ozeanographie zu studieren, zur Studentenberatung zu gehen.

„Was machen sie denn gerne?“

„Schreiben“, sagte ich. „Und fotografieren.“

„Journalismus vielleicht?“

„Ja, super“, sagte ich.

„Machen sie am besten die Fächer die sie interessieren auf Lehramt für die Oberstufe. Das machen viele Journalismus Anwärter. Man hat dann etwas Sicherheit, falls es im Journalismus nicht klappt.“

„Alles klar“, sagte ich. Mit 19 macht man sehr viele Dinge sehr unreflektiert.

Ich schrieb mich ein für Germanistik und Philosophie, scheiterte kläglich an philosophischem Interesse (oder fand meine Kommilitonen extrem strange) und wechselte zu Geschichte. Zwei Semester zog ich echt krass durch (so wie man damals halt studiert hat, bevor Magister Studiengänge kamen…) und beschloss dann im Fahrstuhl, dass ich viel besser mal nach Italien ziehen könnte. Und da weiter studieren. Also machte ich das. Mit Zwanzig zog ich nach Venedig und wechselte mein Studium noch mal, ich studierte jetzt römische und griechische Geschichte, lebte in einem bezaubernden Haus auf dem Lido (in dem es spukte. Wirklich!) lernte italienisch, rettete eine Katze, missbilligte den Sommer und die Touristen und liebte den Nebel in den Gassen. Nur römische und griechische Geschichte lernte ich echt wenig. Und war das relevant? Ich glaube nicht. Ich hab viel über das echte Leben gelernt und wenig über das vergangene.

Als ich zurück nach Hamburg kam, brauchte ich dringend die Latein Prüfung für das Geschichtsstudium. Allerdings fand ich sehr viele Dinge die mir wichtiger als Latein erschienen. Und jetzt?

Zurück zur Studienberatung: „Machen sie doch Lehramt Grund- und Mittelstufe. Da brauchen sie keine Lateinprüfung!“ Super, dachte ich, der Wechsel war total unkompliziert. Und sowieso wollte ich erst mal ein bisschen alleine durch Marokko reisen und hatte jetzt wirklich keine Zeit für Latein.

Mir war nicht klar, was für einen Schritt ich damit getan hatte. Ich merkte es erst als ich aus Marokko zurück kam. Ich war jetzt mit den Grundschullehramtstudenten zusammen. Und die waren mir total suspekt. Sie hatten immer erschreckend gute Laune, trugen Funktionskleidung und liebten es, in den Seminaren Meinungen durch Standbilder darzustellen. Ich fühlte mich heillos verloren. Ich war so nicht. Und ich wollte so auch nicht werden.

Außerdem fehlte mir das Schreiben und das Fotografieren. Ich absolvierte ein paar Fotografie Praktika in großen Studios, aber die Arbeit mit Models oder Auftragsfotografie für Werbeprospekte haben mich nicht gepackt. Immer wieder kehrte ich alternativlos zur Uni zurück, saß in der letzten Reihe und sammelte Scheine in meinen Fächern, aber kaum welche in Pädagogik. Am Ende hatte ich zu viele Scheine für Germanistik, Geschichte und Kunst und viel zu wenige für Grundschulpädagogik und Erziehungswissenschaft. Das Examen rückte in weite Ferne.

Zum Glück kam mir was dazwischen, ein Bier mit Benny Adrion. Der hatte gerade Viva con Agua gegründet und schlug vor, ich könne doch einfach mitreisen, er wolle nach Uganda und Äthiopien für zwei Monate und sie hätten noch keine Fotografin. Ich sagte „okay“. Ich hatte ja nichts besseres zu tun.

Ich habe durch jede spontane Entscheidung wirklich viel gelernt – viel mehr als in der Uni, viel mehr als in der Schule. Vor allem aber, dass Zielstrebigkeit nicht immer von Vorteil ist. Dass der gerade Weg nicht der beste ist. Dass man Dinge sieht, hört, spürt und begreift, weil man stolpert, abbiegt und auch mal ein Stück rückwärts läuft. Am Ende seines Lebens braucht niemand den Blick zurück auf einen perfekten Lebenslauf.  Es braucht auch nicht jeder eine aufregende Backpacker Erfahrung. Aber ich glaube, jeder braucht etwas Mut, um sich von Erwartungen zu verabschieden, um manchmal Sicherheit gegen etwas anderes einzutauschen. Wir lernen wirklich viel in unserem Leben und ich bin sehr dankbar dafür. Aber manchmal vergessen wir, dass wir auch was über uns lernen müssen. Und in all dem Trott, der Zielstrebigkeit, der Geradlinigkeit bleibt oft zu wenig Zeit dafür.

Ich habe mein Studium übrigens trotzdem abgeschlossen. Aber dazu mehr in Teil 2

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