Meine Definition von Allein

Einmal hab ich einem Freund erzählt, ich würde im März alleine nach Brandenburg fahren. „Ganz allein?“ hat er gestaunt. „Ne,“ hab ich gesagt. „Mit den Kindern und dem Hund.“

„Interessant“, hat er gelacht. „Wie du das Wort „allein“ definierst.“

Am Ende fragt man sich, was habe ich richtig gemacht und was falsch? Welche Regeln hätte ich aufstellen müssen? Hätte ich strenger sein müssen in zehn zurückliegenden Jahren der Erziehung? Was lernen Kinder durch uns und was von uns?

Ich sage, wenn sie nicht helfen das Gepäck rein und raus zu tragen, fahre ich gar nicht erst los. Man, bin ich autoritär. Sie tragen alles ins Auto. Vier Menschen ein Hund, allein die ganzen Dosen Hundefutter bringen mich ins Schwitzen. Denn das ist Hamburg – unser Auto steht selbstverständlich nicht vor unserem Haus. Und jeder nur EINE Tasche! Alle halten sich daran, Little T und ich teilen uns eine Tasche. Aber dann fehlt die Hundedecke, der Freßnapf? Der Buggy. Das Tragetuch. Brauchen wir Gummistiefel? Proviantkorb. Ich kann hervorragend minimalsitisch packen – am Ende fehlt dann aber selbstverständlich immer etwas, sehr zum kopfschütteln meiner Restfamilie. Einmal waren wir ohne Badehosen in Kroatien (komm bitte, es gibt schlimmeres) und einmal ohne Schuhe auf Fehmarn (wer braucht schon Schuhe?). Einmal hatte ich keine Leine und mußte das Kofferband nehmen, einmal hatte ich keinen Löffel und mußte das Hundefutter mit einem Ast aus der Dose pulen. Man sieht- minimalistisch packt funktioniert hervorragend, man muß nur ein bißchen improvisieren.

Als wir ankommen parken wir natürlich nicht direkt vor dem Hoteleingang. Also wieder alles tragen. Little T wehrt sich wie eine kleine Katze, die man in den Katzenkorb stecken will, als ich versuche ihn in den Buggy zu setzen. Koffer ziehen, Tasche über der Schulter, Hundefutter irgendwie unter den Buggy stopfen. Jetzt nur noch irgendwie den Hund mitbekommen. Der zieht und zerrt an der Leine, der Buggy kippt fast um, Little T zappelt immer noch, ich schwitze. In der Lobby ist zum Glück nicht so viel los, es reicht aber, den Hund nervös zu machen. Ich kann mich nicht so richtig darauf konzentrieren was die Frau am Empfang mir alles sagt. Ich nicke nur und nehme endlich unsere Karte entgegen. Ah, wir passen natürlich nicht alle in den Fahrstuhl. Der Hund will nicht einsteigen, dann befürchte ich kurz sein Schwanz wird eingeklemmt, Little T zappelt und schreit immer noch. Die Großen tragen ihre Taschen allein wie abgemacht. Also läuft alles.

Ich schaffe es nicht, die Tasche von der Schulter fallen zu lassen, als schon der erste ruft: Können wir ins Schwimmbad? Es muß für alle klappen, denke ich. Es muß Kooperationsleistungen von beiden Seiten geben. Also lassen wir alles liegen und gehen schwimmen. Dachte ich.

Ach nee, erst mal muß der Hund ja raus. Little T schreit als er wieder in den Buggy soll. Er hat jetzt echt keine Lust mehr zu sitzen, der Hund muß aber wirklich dringend, die Kinder kommen mit. Kooperationsleistung. Der Hund rast in den Wald rein, ich hoffe er schreckt hier kein Reh oder einen Hasen auf. So wie er drauf ist, wäre er dann wahrscheinlich weg. Er ist auf Hundertachtzig.

Im Schwimmbad ist es laut. Und verhältnismäßig voll. Little T wehrt sich eine Schwimmwindel anzuziehen. Er haßt es hier. Er möchte nichts lieber als weg. Er würde gerne in mich reinkrabbeln, wenn das möglich wäre. Ich trage ihn am Beckenrand auf und ab, er weint und weint und weint. Ich lasse etwas warmes Wasser im Babybecken über seine kleinen nackten Füße laufen – er haßt mich.

Ich trage und trage und trage. Ich darf mich nicht hinsetzen. Und nicht stehen bleiben. Alles klar. Kaffee wäre jetzt schön, denke ich. Die Großen rutschen und springen, tauchen und wechseln die Becken schneller als ich rummarschieren kann. Durch den langen Lockdown kann ich überhaupt nicht einschätzen wie gut Ida schwimmen kann. Einen Schwimmkurs haben sie beide nie gemacht. Emil hat Gold, den muß ich nicht im Auge behalten. Ida hat nichts. Manchmal taucht sie ewig und ich frage mich, ob das so soll. Sie sagt, das soll so. Okay.

Nach dem Schwimmen ist noch Zeit bis zum Abendessen. Der Hund jault und will wieder raus. Dreissig Kilo geballte Muskelkraft zittern schon wieder vor lauter Aufregung. Er kann es gar nicht abwarten, zerrt an der Leine, wirft seinen Kopf rum wie ein nervöses Rennpferd. Kaffee wäre jetzt schön, denke ich.

Seitdem bei meinen Eltern ein Wolf rumrennt bin ich etwas Wolfs-paranoid. Nicht, dass ich nicht gerne mal einen gesehen hätte, ich will nur nicht, dass unser Hund einen sieht. Ich hab keine Ahnung, was er machen würde, mit seinem hohen Aggressionspotential.

Wir treffen aber keinen Wolf, statt dessen finden wir einen Abenteuerspielplatz. Den wollen die Kinder gerne ausprobieren, der Hund darf aber offiziell nicht auf den Spielplatz. Ich setze mich an den Rand und bin angespannt. Alle Kinder, einschließlich Littel T, verstreuen sich auf dem Spieplatz und der Hund ist nicht bereit sich neben mich zu setzen, er ist in Hütehund-Laune und es macht ihn unglaublich nervös dass alle aus seinem Blickwinkel verschwinden. Ida nimmt Little T mit auf die Wippe. Sie macht das so gut. Aber dann schlägt er mit dem Gesicht auf den Metallbügel und das ganze Gesicht ist voller Blut. Alle gucken sich um, der Hund bellt, ich kann Little T kaum auf den Arm nehmen, weil der Hund außer Rand und Band ist. Schön, dieser Ausflug. Nicht.

Der schöne neue Wollwalk Anzug ist voller Blutflecken, die Mütze auch, Little T sieht aus wie aus einem Splatter Movie. Wir gehen dann mal zurück, gibt eh gleich essen.

Beim Essen sitzen alle am Tisch und reden. Little T kombiniert Oliven mit Nudelsalat und Melone. Er findet es super. Die anderen holen sich was sie mögen. Wir lachen und reden, wir sitzen eine Stunde beim Essen. Ich habe meinen Kindern nie gesagt, dass sie „bitte“ und „danke“ sagen sollen. Oder das man beim Essen sitzen bleibt. Ich weiß, dass es bestimmt Momente gab, wo sie nicht sitzen geblieben sind. Ich sage ihnen nicht, dass man sich nicht vordrängelt. Oder gefälligst höflich und freundlich spricht, wenn man am Buffett Hilfe braucht. Ich mache es einfach. Und sie machen es auch. Ich glaube, man kann auch zu viel erziehen. Und es gibt einen Unterschied zwischen Regeln und Nachahmen.

Als wir gehen, sagt eine Frau am Nebentisch, wie gut erzogen meine Kinder seien. Ich lächel. Nein, denke ich, die sind nicht gut erzogen. Die sind einfach wie sie sind.

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