Hoppla, kein Geld für Spaß

In der Pandemie hab ich mit den Kindern viel über Glück gesprochen. Wo man das sucht und wie man es findet. Das ist manchmal gar nicht so schwer. Man muss Träume haben und Visionen. Und an sich glauben. Manchmal klappt es dann ganz gut mit dem Glück.

Dachte ich.

Ich sage meinen Kindern: Hauptsache, ihr macht etwas, was euch glücklich macht. So wie ich, dachte ich. Das super Vorbild an Glück. Oder Paul, der ist wirklich glücklich als Arzt. Wir leben das echt gut vor. Dachte ich.

Für alle die nicht genau wissen, was ich mache: Ich sammel Fantasien. Ich erarbeite mit Kindergruppen die Geschichten für richtige Bücher, dicke Bücher mit vielen Seiten. Über Freundschaft und Mut, mit viel Abenteuer, mit unerwarteten Wendungen, geheimen Botschaften, sprechenden Tieren und Superkräften. Und das macht wirklich Spaß! Es macht mich so glücklich, dass ich nichts anderes würde machen wollen.

Manchmal stehen Menschen vor Kunst und sagen: Ach, das hätte ich auch gekonnt! Seltsamerweise haben sie es aber nie gemacht. Und manchmal stehen Menschen vor Büchern und sagen, ach , die Geschichte hätte ich mir auch ausdenken können. Aber ganz ehrlich, ich sag euch, es ist nicht so. Wer das ausprobieren mag, kann sich gerne mal vor ein weißes Blatt Papier setzen und anfangen. Da findet man bestimmt eine Idee. Und kriegt auch zwanzig Seiten voll. Aber irgendwann stockt es. Da fragt man sich, wo will ich hin? Was ist meine Idee? Wie geht es jetzt weiter? Interessiert das überhaupt jemanden?

Ich bin keine Ärztin. Und ich kann auch nicht mit Zahlen arbeiten. Ich kann schreiben. Und nicht umsonst bekommt man schon in der Schule Noten für Algebra, Chemie, Biologie und auch für Aufsätze. Denn später muss es Menschen geben, die schreiben können. Und wer das für sich rausfindet, ist glücklich. Kann glücklich sein.

Ich habe momentan vier Gruppen die parallel an vier Büchern schreiben. Man muss sich das so vorstellen: Die Gruppen haben 60 Minuten Zeit ihre Ideen zu strukturieren. Sie sind ungalublich aufgeregt, weil sie die ganze Woche über ihre Ideen gesammelt haben. Jetzt rufen sie durcheinander, plappern immerzu, werfen 60 Minuten Ideen in den Raum, ziehen an meinem Ärmel, rufen meinen Namen. Haben Angst, dass ich eine ihrer großartigen Ideen verpasse. Ich schreibe alles auf, ich frage nach, ich sammel seitenweise Notizen und Zeichnungen. Und am nächsten Morgen setze ich mich hin, mit einem Kaffee ohne Frühstück. Ich habe Angst, dass all die Ideen in meinem Kopf verblassen könnten. Also schreibe ich. Stunde um Stunde, erstelle Karten und Stammbäume, damit ich nicht vergesse, wer ist mit wem verwandt? Wer freundet sich an? Wohin verschwinden die Kinder? Wer hat welche Fähigkeiten, wer entpuppt sich als böse? Manchmal mache ich mir frühstück, das ich am Schreibtisch esse. Die Zeit ist so wertvoll. Gegen Mittag bereite ich die Arbeitsblätter für den nächsten Kurs vor. Versuche mich zu erinnern, worum es geht. Welche Geschichte muss ich wieder aufgreifen? Wie weit sind wir gekommen? Woran arbeiten wir heute. Mein Kopf ist voll, ganz voll. Und nur das, was meine Finger morgens auf Papier retten konnten, fühlt sich sicher an.

Das Größte, das Beste, das Bewegendste an meinem Kurs ist, wie die Kinder über sich hinauswachsen. Sie können manchmal gar nicht fassen, was sie schon entwickelt haben. Was für eine komplexe Geschichte! Was für ein grandioses Buch! Je weiter sie kommen, desto ungläubiger werden sie. Zu merken, dass sie etwas können, was sie sich nie zugetraut hätten. Ein Buch schreiben. Ein richtiges. Mit ihren Ideen, mit mehreren hundert Seiten. Das am Ende gedruckt in ihrer Hand liegt.

Aber momentan merke ich, wie erschöpft ich bin. Was nach den Kursen bleibt ist Haushalt und Wäsche, einkaufen, Kindergeburtstage, der Hund. Formulare ausfüllen, Post wegbringen, Sachen besorgen. Sportkurse, Geige, Reiten, Urlaubsplanung. Freunde, Familie, Arzttermine. Und ständig bleibt jemand Zuhause. Bindehautentzündung, Sportverletzung, Fortbildungstage, Zeugnisferien. Da wir den Krippenplatz für little T nicht ausftocken konnten, bleibt er freitags zuhause.

Nachts kann ich nicht schlafen. Die Geschichten geistern in meinem Kopf herum. Sie wollen raus. Ich habe Angst, etwas zu vergessen.

Was ich mache macht Spaß. Bis zu einem gewissen Grad. Es macht keinen Spaß mehr, wenn es nicht anerkannt wird. Ich soll die Krippen Differenz selbst zahlen? Ich verdiene nichts. Ich mache Minus. Für 30 und mehr Stunden Arbeit. Aber ist es Arbeit, wenn es mir doch so viel Spaß macht? Ist Arbeit erst Arbeit, wenn man Geld dafür bekommt?

Hamburg braucht später nicht nur Bänker und Rechtsanwälte, Ärzte und Lehrer. Hamburg braucht kreative kleine Köpfe, die flexibel denken, die Visionen haben, die an sich glauben. Wenn es Menschen gibt, die sie darin fördern, verstehe ich nicht, warum man ihnen Steine in den Weg wirft.

Bitte unterstütz das Projekt, in dem ihr es sichtbar macht. Zum Beispiel in dem ihr den Elb-Fantasten auf Instagram folgt. Vielen Dank!

One thought

  1. Wie wunderbar! Ich strahle bei dem Gedanken, dass Kinder ihren Fantasien freien Lauf lassen dürfen. Kreativität wird heutzutage viel zu wenig gefördert, dabei sind wir so auf die Ideen anderer angewiesen. Wie auch sonst das Leben aushalten, wenns keine Bücher, Filme, Serien gäbe. Du machst das Richtige, stay strong!!

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