Ich glaube, wir gehören hier nicht her.

Ich glaube, ich kann nicht mehr. Nicht für immer oder für einen ganzen Tag. Nur für diese dreißig Minuten grade. Länger wäre im Alltag ja gar nicht möglich.

Also kann ich für dreißig Minuten nicht mehr, ungefähr so lange wie ich für meinen Kaffee brauche. Zwischen dem Anruf der Tagesmutter und dem ersten Schrei im Bett, wenn little T wieder aufwacht, schlafwarm und mit schwitzigen Löckchen. Halb im Traum, halb wach, halb gesund, halb krank.

Die dreissig Minuten nutze ich um alles auszuleben für das ich jetzt Zeit habe. Müdigkeit, Tränen, Verzweiflung und Frust.Denn ich bin der Meinung, wir gehören hier nicht her.

Denn hieß es nicht im Sommer noch, wir sollen Acht geben? Sollen uns wappnen für den Herbst und den Winter? Hieß es nicht, wir würden nicht dort landen, wo wir jetzt sind?

Wir gehören nicht hier her. Wir haben ein Jahr lang alle Last auf unseren Schultern getragen. Haben uns eingeschlossen, vorgelesen, multipliziert und Englisch gelernt. Haben uns aus dem Leben zurückgezogen, erst aus dem gesellschaftlichen und am Ende auch aus unserem eigenen. Haben gelernt Bedürfnisse zurück zu stecken, die der Mütter und Väter, die Zuhause saßen zwischen Streit und Frust, Langeweile und Enge.

Wir haben Geschichten erfunden und Träume gesponnen. Von der Zeit, die bald kommt, die sich fast ein bißchen wie früher anfühlen wird. „Ich habe Angst vor Weihnachten“, hat Emil gesagt. „Ich würde auf alle Geschenke verzichten, aber ich kann nicht noch mal ein Weihnachten ertragen, an denen ich Oma und Opa nicht umarmen darf“.

Weihnachten, haben wir im Sommer gesagt, das ist noch so lang hin. Du wirst sehen, da wird es schön. Vertraut und voll, mit lachenden Kindermündern und durcheinanderplappernden Mäulern, mit Hunden, die den Baum umstossen und Oma und Opa die lachen und verzweifeln gleichzeitig und sich doch denken: Nein, wie konnten wir nur auf ein so wichtiges, wunderbares, wertvolles Weihnachtsfest jemals verzichten?

Ganz im Stillen weiß ich, das Mütter meiner Freunde gestorben sind, die Corona mitgerissen hat, die vielleicht mit einer Person weniger am Baum stehen. Und sich Fragen wieso.

Jetzt ist Weihnachten nur noch einen Steinwurf weg, blitzt schon überall auf. Jetzt gehen alle wieder in die Schule und leiden stiller. Manchmal muss ich sie darauf hinweisen ihre Masken abzunehmen wenn sie nach Hause kommen. Tragen sie stoisch, lethargisch, frustriert. Manchmal liegen sie da und sehen aus dem Fenster. Warten auf Weihnachten, aufs nächste Jahr, auf den nächsten Sommer oder das nächste Mal wo ihnen jemand sagt, dass es bald besser wird.

Sie trotten zur Schule, ein bißchen Angst im Gepäck. Wer wird nach Hause geschickt? Wessen Test leuchtet auf, unter den Blicken der Mitschüler? Wie müde sie sind, aber das liegt am Herbst. Wenn die Dunkelheit sich über die Stadt legt, aber wir lügen natürlich, wenn wir das sagen. Denn wir sind selbst müde. Von all den Prophezeiungen. Und den zerplatzten Wünschen.

Dann hole ich eins, dann zwei dann drei Kinder ab, niedergerungen von Magen Darm Viren die längst Delta oder Gamma heißen müssten. Und Fieber, Schnupfen, Erkältung – jedes Virus wartet auf die lichten Momente, an denen sie ihre Masken mal lösen. Um sich auf sie und ihre kleinen längst nicht mehr immunisierten Körper zu stürzen.

Wen ein Schnupfen schon so umhaut? Wie wird der denn dann mit Corona kämpfen?

Auf den Straßen schieben sich die Menschen entlang. Ich sag gar nicht, dass sie nicht aufpassen. Die einen so die anderen so, jeder so wie er es für richtig hält, denn wir wissen ja länst nicht mehr was richtig ist.

Nach dreissig Minuten hole ich wieder Schwung. Meine Beine wollen nicht so recht, mein Kopf noch weniger. Jeden Tag wird er aufs äußerste gefordert was Flexibilität betrifft. Immer ist einer krank, zwei andere haben Pläne, ich muss jemanden fahren, abholen, ich muss Vokabeln abfragen, Wäsche waschen und mit dem Hund raus. Auch wenn hier alle schlafen wollen. Bis zum Frühling.

Wir gehören hier nicht her. Wir hätten längst woanders sein sollen. Hatte man uns das nicht versprochen? Die Unbeschwertheit bröckelt auch bei kleinen Menschen. Was sollen wir denn noch glauben?

Für Idas Theateraufführung haben wir Premierenkarten besorgt. Wenigstens einmal will ich sie tanzen sehen. Wer weiß, wie viele Auftritte sie haben wird. Wer weiß, ob sie Ende Dezember noch auf der Bühne steht.

Wir gehören hier nicht her, sage ich einer Freundin.

Aber wo willst du hin? Sagt sie.

Du musst da durch. Auf uns hört keiner. Wir tragen ein zwei oder drei Kinder durch die Pandemie. Für uns wird keiner klatschen. Wir sind nur Mütter. Unter uns kommt nur noch eine Gruppe.

Unsere Kinder.

2 thoughts

  1. Miri mir kullert ne Träne… Es ist so wahr, was du schreibst. Egal wie alt oder jung die Kinder sind, es gilt für alle. Ich war immer sehr oft optimistisch und habe immer Licht am Ende des Tunnels gesehen. Jetzt sehe ich just gar nix mehr.
    Lg aus der Heimat

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