Zelten heißt jetzt Glamping und Busse sind kleine Ikea-Wohnungen

„Wir haben Abends immer die Decken in den Trockner des Campingplatzes gesteckt, damit sie zumindest die ersten Stunden in der Nacht warm und trocken waren“, sagt meine Mama, wenn sie an die ersten Dänemark Urlaube denkt. Regen und Sturm, klamme Decken und Nacktschnecken im Vorzelt. Jedes Geräusch so nah, jeder Stein, der unter dem Zeltboden sein Dasein fristete und sich durch die nackten Füße bohrte. Zelten war Abenteuer. Trockner und Luftmatratzen, die die Luft verloren haben, haben wir als Kinder nicht gemerkt. Nur das kleine Abenteuer vor dem Zelt, die Momente zusammen, die Dunkelheit, wenn die Nacht kam, flackernde Taschenlampen und Getuschel. In Kroatien hörte man die Spinnen über die Plane laufen – bis heute behauptet meine Mutter die wären auch viel größer gewesen als heute. Ich will das lieber gar nicht glauben. Unter den Pinien war es heiß, die Schlangen dösten auf dem roten Sandboden. Jedes Mal der Ärger mit den Zeltstangen, den fehlenden Heringen, den kaputten Abspannseilen. Wer zeltet heute noch? Zelten heißt jetzt Glamping. Und das sieht wahnsinnig schön und gemütlich aus. Und ist trocken und man hat sogar sein eigenes Bad. Man braucht nicht einen einzigen Hering in den Boden schlagen und Schlangen kommen auch nicht rein, es riecht auch nicht nach Filterkaffee der über dem Gasbrenner gekocht wurde, sondern nach einem mediteranen Sommergericht, dass man auf mindestens drei Herdplatten zubereitet hat. Aber, ist das noch zelten?

Nach dem Zelten haben meine Eltern einen VW Bus gekauft. Der war orange und meine Mama hat karierte Vorhänge genäht. Zum Schlafen hatte er Platz für zwei, wir schliefen darin zu fünft. Aufrecht stehen konnte man nicht, also wurde gebückt gekocht – natürlich auch für fünf. Nämlich Nudeln. Und das fanden wir grossartig. Ein Sommer voller Pasta. Drei Tage haben wir bis Kroatien gebraucht, manchmal mit Zwischenstops in kleinen Hinterhof Werkstätten. Ich denke, wir müssen auch irgendwas an Gepäck mitgenommen haben, aber es ist mir ein Rätsel, wo wir das gelassen haben. Wir durften nur mitnehmen was wir tragen konnten. Einmal hat meine Mutter meinen kleinen Bruder kurz vor Abfahrt in den Bus gehoben und der war erstaunlich schwer. Als sie die Taschen seiner Latzhose geleert hat, waren die voller Steine – genau die liebgewonnen Steine die er mitnehmen wollte. (Er hatte immer diverses in der Taschen seiner Latzhose, einmal auch eine Blindschleiche).

Als wir unseren ersten Bus, den flotten Bert, gekauft haben fühlten wir uns ja so luxuriös. Der hatte ja alles! (Genau das waren auch die Worte der Familie, die ihn uns abgekauft hat. Auch die hatten vorher einen kleinen VW Bus und staunten über so viel Luxus). Der flotte Bert hatte 4 Schlafplätze und eine richtige kleine Küche in der man stehen konnte. Hurra, was brauchte man mehr?

Jetzt wissen wir was man mehr braucht: einen fünften Schlafplatz und einen Platz an dem der Hund sich nicht wie ein Origamitierchen falten muss. Am Anfang hatten wir so viele tolle Ideen, was wir mit Amy machen wollten. Wir konnten ja jetzt alles so bauen wie wir es wollten. Und dann kam Pinterest und Instagram und kopfschüttelnd lachte die Social Media Welt uns ins Gesicht: So wollt ihr bauen? Guckt doch mal, was wir können!

Vor Jahren hatten Kindergarteneltern bei uns eine ähnliche Idee. Sie kauften einen alten Mercedes Sprinter und bauten ein Bett hinein, das groß genug für 4 war. Sie bauten auch einen Herd ein. Und ein paar Schränke aus Sperrholz. Sie hängten eine Lichterkette auf und legten einen bunten Teppich auf den Boden. Und so brachen sie auf – erst bis nach Istanbul. Dann ein Jahr durch Europa. Heiligabend schmückten sie einen winzigen Baum im Bus, irgendwo in Marokko.

So, dachte ich, will ich das auch. Einen Schalter für Licht, wenn es draußen Dunkel wird, ein Bett mit Blick aufs Meer, ein Herd auf dem die Espressokanne brodelt. Zwei Schränke aus Sperrholz und einen bunten Teppich. Eine Lichterkette über dem Bett der Kinder und karierte oder gestreifte Vorhänge. Aber dann fingen wir an zu recherchieren und so sehen Busse heute nicht mehr aus. Busse sehen aus wie kleine Ikea Wohnungen. Sie haben schwarze Waschbecken und Lichtkonzepte unter den Oberschränken. Sie haben Apothekerschränke und Badezimmer, Holzfußboden und Lichtleisten. Man schiebt sein Gepäck nicht mehr einfach unters Bett, man hat Fächer und Schubladensysteme, Rollos gegen die Sonne und Warmwasseranschlüsse. Und ich dachte wir hängen einfach einen Wasserkanister verkerht herum auf… Auf einmal hat auch jeder so einen kleinen Ikea-Wohnungs-Bus. Die KFZ Werkstatt um die Ecke hat grade 40 VW Busse geordert, die in den nächsten Monaten ausgebaut werden und alle schon direkt verkauft sind. Die kriegen Sonos Boxen und Hängeschränke, automatisch ausziehbare Betten und Rainshower Duschen und auf einmal haben Heinz-Uwe und Margret auch einen Bus, genau wie ihre Nachbarn und die Familie Schmidt hat auch einen und jeder hat natürlich einen schöneren als der andere. Und wir? Feilen an Sperrholzschränken, denn ein Bus muss ja auch berechnet werden und die Zusatzlast ist nicht unendlich. Echtholzschränke und kleine Öfen um sich mal einen Auflauf zu machen passen da nicht rein. Und wenn doch: Kann ich dann nicht auch einfach ein Wohnmobil kaufen?

Am Ende wird Amy sicher ganz vieles sein, vor allem ein zweites Zuhause. Aber eine kleine Ikea-Wohnung wird sie nicht. Aber sie wird uns weit bringen, nicht an Kilometern, aber sich an Erfahrungen und Erinnerungen. Und wir werden vielleicht eines Tages mit den Beinen baumelnd in der offenen Tür sitzen und den großen kroatischen Spinnen zusehen, wie sie daran scheitern zu uns hochzukommen. Und vielleicht schläft eine Schlange im Schatten der Reifen. Und dreckige Füße werden in unseren Betten sein und jeden Abend sehr viel nerviger Sand. Bei Regen werden wir uns langweilen und seufzen, warum wir keine Netflix Leinwand eingebaut haben, sondern statt dessen mit Buntstiften auf dem Boden malen, weil der Tisch für alle zu klein ist. Aber das ein oder andere Abenteuer wird vielleicht nur zu Amy kommen. Weil ihr die ganzen andere Busse ein bißchen zu schick vorkommen, ein bißchen zu langweilig und ein bißchen zu gleich.

Ich freu mich drauf!

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