Man soll ja alles mal ausprobieren…Grippe zum Beispiel

Ich liege da und habe einen Wunsch. Ich wünsche mich nicht gesund. Ich wünsche mir ein Gästezimmer mit Blick in den Garten. In dem Zimmer steht ein weißes Bett mit frischen Laken und einer sauberen, weichen Decke. Ich liege dort, neben mir mein Tee, meine Bücher, ein Ipad. Zwischendurch schlafe ich sehr viel. Wenn ich gerade nicht schlafe lese ich. Es ist ganz still in dem Zimmer. Und durch das Fenster lässt sich manchmal sogar die Sonne blicken.

In der Realität liege ich im Schlafzimmer in meinem Bett. Tag und Nacht neben zwei schwitzenden, hustenden, schnaubenden Wesen. Sie sind furchtbar heiß und kommen ständig furchtbar dicht an mich heran. Manchmal liegen sie auf mir, mal nur ihre heißen nackten Beine, ihre verschwitzten Haare in meinem Gesicht. Immer wenn ich gerade in einen Fiebertraum sacke rufen sie“ Mamaaaaa, ich brauche ein Taschentuch!“ oder „Ich hab so Durst!“. Dann stehe ich irgendwie auf, Halsschmerzen aus der Hölle, schwankende Beine. Ich hole was sie gebrüllt haben.

Im Flur der furchtbar vorwurfsvolle Blick des Hundes. Er sieht definitiv keinen Sinn in diesen Tagen.

Da sind wir schon zu zweit.

Wenn es gar nicht anders geht ziehe ich sie ganz dick an, packe sie in den Bollerwagen, decke sie noch mal mit einer Daunendecke zu. Das ganze dauert ewig. Sie streiten, heulen, nölen. Ganz dünnes Eis.

Dann gehe ich einmal mit ihnen und dem Hund durch den Park. Der Hund denkt: Was?? Das soll es schon gewesen sein? Und ich denke: Nach Hause. Ich will nur noch nach Hause. Und ich wünsche mir ein Gästezimmer mit Blick in den Garten.

IMG_20180217_104401_647.JPGNachts kann ich nicht schlafen. Ich koche mir Tee. Mein Hals schmerzt so sehr, ich würde gerne aus meinem eigenen Körper fliehen. Die Kinder wühlen und träumen. Emil hat Ohrenschmerzen. Er weint. Ida redet im Schlaf. Sie wird von einem Storch attackiert. Die Arme.

Die ersten drei Tage schafft man ganz gut. Alle dämmern nebeneinander her. Stöhnen, röcheln, produzieren einen Berg aus Taschentüchern. Tausend Netflix Folgen retten uns irgendwie über die tristen Stunden, dann wieder Hörbücher, wieder schlafen. Ich begehe den Fehler und lese vor – weil mich fernsehen auf Dauer so nervt. Danach bekomme ich Reizhusten. Ich huste bis spät in die Nacht. Je mehr man hustet, desto schlimmer wird es. Es ist ein TeufelsIch versuche mich darauf zu konzentrieren nicht zu husten. Es klappt nicht.

Wieder Fieber. Wieder ein ständiges rufen. „Taschentuch!“ „Wasser“ und mein nach Tagen meistgehasstes Wort: „Kuscheln!“

Ich mag nicht kuscheln? Ich kann in Krankheitstagen meinen Kindern keine Geborgenheit schenken?

Doch. Aber nicht 24 Stunden, 7 Tage lang. Nicht immerzu. Egal wo.

Ich schmeiße Wäsche in die Maschine, Ida hängt hinten an meinem Bein. Ich fliehe manchmal auf Toilette, Ida klettert auf meinen Schoß. Ich verstecke mich irgendwo. Ich schleiche mich raus wenn sie schlafen. Es ist eine Frage von Minuten. „Mamaaaa, kommst du mich kuscheln?“ Sie schmiegen sich an mich. Ihre heißen Körper, ihre verschwitzen Haare. Sie schlingen ihre Arme um mich, ihre Beine. Alles. Mein eigener Körper schreit nach einem Moment nur für sich.

Am fünften Tag rennt Emil ständig auf die Toilette, weil er denkt er muss kotzen. Weiß wie der Tod, abgemagert, fiebrig, hustend. Ich stehe in der Küche und heule. Nicht, weil es mir so schlecht geht. Sondern weil es jemand anderem aus dieser Familie noch schlechter geht. Und so lange es anderen noch schlechter geht, habe ich keine Kraft und Ruhe mich um mich zu kümmern. Ich bin so damit beschäftigt mich zu sorgen und Mitleid zu haben. Aber mein Körper mag auch nicht mehr.

Paul ist drei Tage Zuhause. Zumindest auf dem Papier. Gut, er muss für einen Vortrag noch mal weg. Aber immerhin. Dann ist Sonntag und er hat wieder den ganzen Tag Dienst. Ich schaffe das. Nur wie?

Ich beziehe das Bett und breche in Schweiß aus. Egal wo, wir schlafen ständig irgendwo ein. Als ich Emil bitte kurz aufzustehen, um das Bett zu beziehen, schläft er direkt vor dem Bett auf dem Holzfußboden wieder ein. Ich schlafe auch immerzu ein. Aber die ewig gleichen Geräusche wecken mich ständig wieder auf. Wer zur Hölle hat erfunden das Biene Maja Folgen nur 12 Minuten gehen? Nach jeder Folge aus der Mediathek: „Die Biene Maja ist zu Ende!!“

Ich muss für eine Freundin von Ida ein Geschenk einpacken. Ein Geschenk! Ich schaffe es nicht. Zwei mal verheddert sich der blöde Tesa Film. Ich muss mich erst mal wieder hinlegen.

Sonntag Abend ist endlich Pius Patenfamilie da um ihn abzuholen.

Woche zwei beginnt. Kann ja nur besser werden. Nur noch ich und die Kinder. Der Hund ist versorgt. Also praktisch zumindest. Mental beschäftigt mich das auch noch, aber das ist ein andere Thema. Auch Emil weint ständig, weil der Hund weg ist. „Ich kann aber gar nicht leben, wenn ich Pius nicht einmal am Tag wirklich kuschel!“ Kuscheln ist hier immer noch alles bestimmendes Thema.

Die ersten Interessenskonflikte entstehen: Ida war als erste krank und ist auch als erste gesund. Gesund bedeutet Fieberfrei. Sie schafft es eine Stunde am Stück das Bett zu verlassen ohne direkt wieder umzufallen. Sie will etwas malen, basteln, ihre Puppenhaus aufbauen. Ich will das nicht. Ich hab über 39 Fieber und schleiche hinter ihr her. Jedes mal wenn ich huste fühlt es sich an als würde meine Lunge zerspringen. Ich male, aber wenn ich es nicht so mache wie sie das möchte, dann heult sie. Ich auch. Wir heulen alle ganz schön schnell und oft. Ich muss sogar im Halbschlaf heulen als ich höre wie in dem Hörspiel zwei ehemals verfeindete Mädchen sich am Ende umarmen. Ich hab wirklich ein Problem.

Meine Nachbarin kauft für uns ein – es ist ganz witzig, es scheitert immer an der Übergabe. Am Ende haben wir es für das beste Befunden, wenn sie den Einkauf einfach von weitem in die Wohnung wirft. Zwischendurch kann ich auch lachen. Überhaupt kommen so viele Angebote von allen Seiten für uns Dinge zu besorgen oder den Hund zu nehmen. Eine meiner Freundinnen bietet an sogar „halbgare“ Kinder zu übernehmen. Aber das will ich nicht. Meine Mutter würde auch kommen. Will ich auch nicht. Sie sind alle nicht geimpft. Ich muss da nicht noch jemanden mit reinziehen. Es ist ja schon Woche zwei. Ich schaffe das. Wir haben „Gute Besserungs“ Kinder CDs im Briefkasten, Emils Klassenkameraden schreiben Karten, Idas Freundinnen schicken Videos per WhatsApp, die sie sich jeden Tag Hundert Mal ansieht. Und am 9. Tag kommt eine Freundin und bringt einfach nur Frühlingsblumen vorbei. Gott war das schön. Draußen scheint die Sonne, drinnen stehen Blumen. Ich schaffe es sogar ein bisschen aufzuräumen und mehrere Müllsäcke mit Taschentüchern zu füllen.

Ich kuschele immer noch. Egal wo ich mich verstecke, sie finden mich. Sie klettern auf mich wenn ich telefoniere (und ja, wenn man seit 9 Tagen eingesperrt ist sehnt man sich sehr danach mal mit anderen Erwachsenen zu sprechen), sie merken im Schlaf wenn ich das Bett verlasse. Aber ich finde es nicht mehr so schlimm und sie sind auch nicht mehr so heiß. Und wie schön das Leben eigentlich jeden einzelnen Tag so ist, weiß man ja nach zwei Wochen Grippe erst so richtig zu schätzen! Ich freue mich jedenfalls sehr auf den Frühling!

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