Manchmal muß man einfach bleiben – der Schwarzfelderhof in Leipheim bei Ulm

IMG_6974 Kopie.jpgIn Ulm einen Stellplatz zu finden ist bestimmt ganz einfach. Man braucht einen Stellplatzführer (hab ich) und ein funktionierendes Navi ( hab ich, dachte ich zumindest). Ich erreiche Ulm um 22 Uhr. Das ist gut denn Nachts ist weniger Verkehr und es sind nicht gleich alle höllisch genervt wenn ich mich falsch einordne. Ich mag das. Emil ist erst vor ein paar Minuten eingeschlafen. Es gab noch vieles zu besprechen. Ich weiß jetzt zum Beispiel warum es in Europa keine Kriege gibt, warum Menschen sich lieben und wie ein Vulkan ausbricht.

Mein Navi führt mich in eine wirklich einsame, finstere Gegend im Industriegebiet und sagt dann aus dem Nichts: Sie haben ihr Ziel erreicht. Ich sage dem Navi laut: Nein, sicher nicht.

Ich kurve wahllos herum. Ich tippe wild aufs Navi. Ziel erreicht. Ziel erreicht. Das ich nicht lache. Ich bin hier mutterseelenallein.

Gut, ich gebe eine andere Straße ein, eine die direkt neben der liegt, die ich erreichen wollte. Dann wäre ich ja zumindest schon mal dicht dran am Ziel. Um es kurz zu machen, um 23 Uhr fahre ich immer noch durch Ulm. Ein öffentlicher Parkplatz reiht sich an den nächsten. Totenstill ist es hier, und schrecklich verlassen. Nirgendwo steht auch nur ein andere Bus, oder ein anderes Wohnmobil. Auf den Parkplatzschildern steht: Campieren verboten. Ich fühle mich schrecklich unwohl. Und jetzt? Wo soll ich denn hin Nachts um elf?

Ich erinnere mich, daß ich mir ein paar Campingplätze aus dem Campingführer meines Vaters aufgeschrieben habe. Die annähernd an der Strecke lagen und ganz nett klangen. Schwarzenfelderhof steht da. Leipenheim. Wo zur Hölle ist das denn? Ich fahre rechts ran und tippe es ins Navi. Ich hab langsam keine Lust mehr. 20 Minuten Fahrtzeit. Das schaffe ich. Mir ist klar, daß mir da keiner mehr öffnen wird. Aber ich denke mir, irgendwo muß ich heute Nacht schlafen, und eigentlich ist es ja auch egal, ob man AUF einem Campingplatz steht oder direkt davor. Der Platz liegt etwas außerhalb der kleinen Ortschaft. Ich fahre wahllos irgendwo hin und trage die Kinder ins Bett hoch und lege mich zwischen sie. Eigentlich, denke ich kurz vor dem Einschlafen, ist es ganz schön toll so unabhängig zu sein. Was brauche ich denn? Eigentlich brauchen wir nur uns und den flotten Bert, der uns immer so gut beschützt. Der uns das Gefühl von Zuhause gibt. Selbst wenn es eng ist, und oft chaotisch, und man sich häufig stößt. In dieser Nacht fühle ich mich ganz wohlig. Die Kinder atmen leise, ein bißchen Wind raschelt an den Zweigen neben dem Fenster. Drinnen ist es warm, das Licht macht es wohlig, der Kühlschrank ist voll. Eigentlich braucht man wirklich nicht mehr.

Ich sage nicht kategorisch daß man beim Campingurlaub mehr erlebt als bei einem Hotelaufenthalt. Ich kann Hotelurlaub machen und mir jeden Tag die tollsten Sachen in der Umgebung ansehen. Und ich kann Campingurlaub machen und nichts weiter tun als vor meinem Wohnwagen zu sitzen und auf den Wohnwagen meines Nachbarn zu starren. Wie wir unseren Urlaub verbringen hängt ja hauptsächlich von uns selbst ab.

Aber das Reisen, sich fortbewegen und eine Distanz als solche zu erkennen, daß ist etwas anderes. Man muß sich immer wieder neu zurecht finden. Man trifft auf neue Menschen, man schläft mal komfortabel, mal einsam, mal eng, mal mit anderen Wagen in Reih und Glied, mal frei unter Bäumen. Man sieht ständig andere Städte, aber auch andere Seen, andere Flüsse, andere Wälder, andere Kirchen. Man bewegt sich vom flachen Land in die Berge, erst Hügel, dann Gipfel. Nach der ersten Woche bat Emil mich, alle Fotos ansehen zu dürfen: „Ich habe schon vergessen, wo wir überall waren und was wir alles gemacht haben. Jeder Tag war so voller Abenteuer.“

IMG_6962 Kopie.jpgAls wir unseren Platz auf dem Schwarzfelderhof beziehen und kaum die Tür geöffnet haben fallen direkt vor uns, eins, zwei drei… fünf Vogelküken aus dem Nest. Helle Aufruhr. Die Mutter piepst und fliegt aufgeregt herum. Eines ist direkt tot. Die Kinder sind erschüttert. Und aufgeregt. Zwei der Küken sitzen verängstigt auf dem Feldweg, hier kommen Menschen und Autos vorbei. Aber Vogelküken darf man doch nicht anfassen! (Wir wissen jetzt, das darf man doch. Vögel nehmen ihre Jungen auch noch an, wenn man sie berührt hat.) Die Kinder schirmen die Küken weiträumig ab, wer vorbei kommt muß einen Bogen machen, Autos lenken sie herum. Aber das können wir ja jetzt nicht die nächsten Stunden gewährleisten. Wir finden einen Karton im Bus und heben Vogelküken für Vogelküken vorsichtig hinein mit Hilfe von Blättern eines Baumes. Sie sind noch ganz flaumig. Ihre Bewegungen hilflos und hektisch. Die Kinder legen ein paar Blätter dazu. Damit sie sich verstecken können.

Unser Platz ist wirklich schön, umringt von Bäumen und Hecken und direkt unter einem Kirschbaum. Wenn wir das Dachfenster öffnen können wir Kirschen ernten – sie sind aber leider noch nicht reif. Hinter uns nur noch Obstbäume und der Blick auf den Bauernhof. Ich habe noch keine Ahnung, daß wir nicht irgendwo gelandet sind, sondern im Kinderparadies. Um den Vogeleltern etwas Ruhe zu gönnen stellen wir den Karton mit den Küken direkt in den Schutz der Büsche und lassen sie erst mal allein.

IMG_6993m.jpgDas ist ja gar nicht unser erster Ferienbauernhof, nicht das erst Mal das wir uns über eine Spielscheune und Ponyreiten freuen, ich merke vor allem eines: Es steht und fällt mit den Menschen die dahinter stecken. Und in diesem Fall ist das der Besitzer dieser Anlage, dem die Kinder jedes Mal liebevoll „Walter!“ entgegen rufen wenn er mit dem Rad den Hof erreicht, im Schlepptau Hund Rambo und immer gut gelaunt. Ich bewundere Menschen für ihre unglaubliche Geduld mit der sie jeden Tag fremden Kindern gegenüber treten. Diese Freude daran. Ich weiß, ich selber wäre auch mal genervt. Fände einige Kinder niedlicher als andere. Ich kann das nicht abstellen. Nicht, wenn ich jeden Tag mit ihnen zusammen sein müßte. Aber es gibt Menschen, die freuen sich einfach. Die heben immer wieder Kinder auf Ponys und führen sie im Kreis herum. Die wirken so zufrieden und in sich ruhend. Walter ist so jemand.

Am ersten Tag laufe ich viel mit den Kindern über den Bauernhof, streichele Kühe, hebe sie auf Ponys, lasse sie Seilbahn fahren in der Spielscheune. Am zweiten Tag begleite ich sie manchmal. Am dritten Tag komme ich sie nur noch besuchen. Sie sind angekommen.

Man lebt im übrigen nie so viel draußen, wie beim Camping Urlaub. Wir sind nur zum Schlafen drinnen. Wir sitzen nicht zwischendurch mal im Bus, wir essen nicht im Bus, wir sind 14 Stunden draußen. Oder länger. Manchmal schlafen die Kinder draußen auf einem der bequemen Stühle ein, in ein Handtuch gewickelt oder auf einer Decke im Gras. Nie ist man so viel draußen, wie jetzt. Sie essen ihre Brote im Gras, halten die Teller mit Pasta auf ihrem Schoß, kleckern sich mit Wassermelone voll. Sie bewegen sich eigenständig und völlig autark auf dem Hof. Gehen alleine Duschen, Hände waschen, auf Toilette. Ida hilft mir gerne abwaschen. Die Spülbecken sind in einem kleinen gemütlichen Holzhaus. Sie kann dort am Fenster sitzen und mit Händen und Füßen im Spülbecken herum planschen. Vor dem Fenster Bäume und Vögel.

IMG_7363 Kopie.jpgNachmittags fahren wir mit dem Rad in den Dorfalden. An langen Weizenfeldern vorbei. Emil eifrig vorweg. Hasen laufen direkt neben uns und verschwinden im Maisfeld. Es ist still hier. Die Menschen haben zum Teil ihre Vorgärten zu Gemüsegärten umfunktioniert. Das gefällt mir. Kein akkurat gemähtes Rasenstück, sondern Tomaten und Salat, bunte Blumen und Kräuter. Der Dorfladen hat nur morgens und nachmittags für zwei Stunden geöffnet. Es gibt alles was man zum Leben braucht. Wir brauchen meistens nur frische Eier oder Milch. Viel wichtiger ist uns die tägliche Fahrt dahin, mit dem Rad durch den wogenden Weizen.

Die Kinder haben schnell Freunde gefunden, rennen bis zur hereinbrechenden Dunkelheit mit ihnen über den Bauernhof, fangen ausgebrochene Hühner wieder ein und tollen im Heuhotel herum. Manchmal könnte man einfach noch viel, viel länger bleiben. Aber wir müssen weiter. In ein paar Tagen landet Paul in München, und das wollen wir natürlich nicht verpassen.

 

 

 

 

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2 thoughts

  1. ich denke, wir haben eine recht ähnliche art zu reisen. unser „flotter bert“ heißt „onkel kurt“ und wie oft haben wir mit ihm schon auf dem weg zum vermeintlichen ziel ein unerwartetes abenteuer gefunden. 🙂 ich freu mich jedes mal, wenn ein neuer reisebericht von euch erscheint, ich finde du hast eine ganz wunderbare gabe, momente und stimmungen einzufangen. habt noch eine tolle zeit!

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