Tag 40, Berlin

IMG_3659 Kopie.jpgFrüher dachte ich immer, dass ich später in Berlin leben würde. Es gab so einen inneren Drang, das Gefühl, nirgendwo anders sei das Leben so wie in Berlin. Für jemanden wie mich, einen menschen der keinen Stillstand mag, scheint Berlin perfekt zu sein. Immer bewegt sich etwas. Und für jemanden wie mich, der so an den goldenen Zwanzigern hängt, der die Gründerzeit liebt und einen Faible für verfallene Gebäude hat ist Berlin ein Paradies. Trotzdem bin ich nie dort gelandet. Und wenn man ein bisschen herumspinnt könnte man sagen: Ja, wäre ich damals nach Berlin gezogen, dann gäbe es mich so in der Form heute gar nicht. Vielleicht wäre ich keine Mutter? Zumindest nicht die von Emil und Ida. Also hatte alles so seine Richtigkeit. Berlin gäbe es nur ohne Paul und ein Leben ohne Paul scheint ja gar nicht möglich zu sein. Am Ende dieser Spinnerei sagt man sich dann: Puh, alles richtig gemacht, liebes Leben!

Emil mag Berlin. Wenn man ihn fragt was sein schönster urlaub war, dann antwortet er: Kanada! Und der Tag mit Mama in Berlin!

Jetzt freut er sich tierisch endlich Ida einmal Berlin zeigen zu können. Ich hab das mal wieder ganz super geplant, ich habe zum Beispiel (wie immer eigentlich) nichts ausgedruckt was wir benötigen könnten, weil ich ja weiß, dass ich es auf meinem Handy habe. Kann ja keiner ahnen, dass der Akku direkt mit der Zugeinfahrt in Berlin den Geist aufgibt. Wo ist unser Hotel? Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal mehr wie es heißt…

Ich erinnere mich aber doch irgendwann und werfe einen kurzen Blick auf die Karte. Aha, hier lang, da lang, dann durch den Tiergarten und schon ist man da. Also auf geht es! (Schon ist man da entpuppt sich dann am Ende als drei Stunden Fußmarsch…)

Es ist schön irgendwo anzukommen und zu wissen das einem die Zeit ab jetzt gehört. Niemand wartet auf uns. Kein Job, kein Essen, keine Freunde, kein Event. Da sind nur wir, Emil, Ida und ich. Und Berlin.

Wir verfügen über eine Packung Kekse und eine Flasche Wasser. Und über die schönste, beste, sinnvollste Anschaffung seitdem ich Kinder habe: Den Emmaljunga Kinderwagen. Ich weiß nicht, was ich mache, wenn der irgendwann unser Leben verlassen wird. Kann ich ohne ihn sein? Schaffe ich es mein Leben jemals wieder ohne ihn zu organisieren? Wo er so zuverlässig immer all unser Gepäck trägt, mir bei den Einkäufen so hilfreich zur Seite steht, Ida immer noch sanft in den Schlaf schaukelt und ohne das kleinste knartzen oder ächzen beide Kinder bis ans Ende der Welt schieben würde?

IMG_3680 KopieIMG_3692 KopieIm Tiergarten laufen die Kinder barfuss. Ich weiß bis heute nicht woran das liegt, dass sie sich bei jeder Gelegenheit von ihren Schuhen befreien müssen. Ungeachtet der Steinchen, Äste, Käfer und Matschpfützen. Sie laufen barfuss. Wir setzen uns ins Gras wenn wir nicht weiter mögen, wir sammeln Blütenblätter, strecken unsere Zehen in das kalte Wasser der kleinen Bäche. Manche fahren nach Berlin um zu shoppen, wir fahren nach Berlin um barfuss durchs Gras zu laufen. Könnte man ja auch zuhause? Shoppen kann man ja auch zuhause.

Nach zwei Stunden finden wir einen Spielplatz. Ich sitze in der Sonne und lasse mir den Rücken wärmen. Ach, schön bist du, Berlin. Vielleicht siehst du hier gerade genauso aus wie in einem Wald in Schleswig Holstein, einem Park in Hamburg oder München. Aber es ist, als würde man spüren in Berlin zu sein. Zu wissen, man könnte links oder rechts den Park verlassen und wäre mitten in dieser aufregenden Stadt. So hat es sich auch angefühlt, als die Kinder im Central Park in New York über die Felsen geklettert sind und Schildkröten gefüttert haben. Man ist irgendwie raus aus der Stadt und trotzdem mitten drin.

IMG_3721 KopieIMG_3737 KopieIMG_3739 KopieIMG_3745 KopieIMG_3750 KopieIMG_3769 KopieLangsam lassen die Kräfte nach. Ich hätte jetzt auch gerne etwas richtiges zu essen und nicht nur die Schokokekse. Der Emmaljunga waltet seines Amtes und trägt zuverlässig alles an Gepäck und beide Kinder. Ich finde einfach alles schön. Ich könnte ewig weiter gehen. Ich wünschte, ich hätte viele Tage Zeit. Ich würde einfach immer weiter gehen. Ich würde zwischendurch mit den Kindern eine Pizza teilen und weiter ziehen. Ich würde Straßen finden, in denen ich noch niemals war, Häuser sehen, die mich vor alter Schönheit zu Tränen rühren würden. Ich würde Fotos machen, Menschen anlächeln, Tee in der Sonne trinken. Ich würde Parks finden und kleine Seen, es würde nach Berlin riechen, nach Geschichte und Frühling.

Der Mann der uns in Charlottenburg im Hotel empfängt staunt: Sie sind nicht wirklich zu Fuß gekommen? Erkundigt er sich. Ja, natürlich nicht von Hamburg, sage ich. Aber das war ihm anscheinend klar. Wir haben ein Etagenbett im Zimmer. Emil und Ida platzen schier vor Freude. Sie klettern rauf, runter, rauf, runter. „Das ist wirklich furchtbar nett, dass der Mann vom Hotel uns so ein extra tolles Zimmer gegeben hat,“ freut sich Emil. Ja, das finde ich auch.

Da uns drei Stunden Fußmarsch noch nicht vollends ermüdet haben ziehen wir weiter in den Zoo. Das Licht ist ganz wunderschön spätnachmittäglich und es ist immer noch warm. Den guten alten Emmaljunga nehmen wir vorsichtshalber mit. Nur was zu essen haben wir schon wieder vergessen.

IMG_3779 Kopie.jpgIm Zoo sind nur wenig Menschen. Ich habe es nie besonders eilig im Zoo. Ich weiß, dass wir nur 1,5 Stunden Zeit haben, bis geschlossen wird. Aber es kann nicht das Ziel sein in den 1,5 Stunden so viele Tiere wie möglich zu sehen. Stattdessen sitzen wir ewig bei der brüllenden Seehunddame und sehen tauchenden Pinguinen zu.

Obwohl wir eigentlich ganz gut im Zeitplan waren kommt trotzdem ein kleines Zoofahrzeug hinter uns her um uns endlich zum Ausgang zu scheuchen. „Macht nichts,“ sagt Ida. „Morgen kommen wir einfach wieder!“

Ich hoffe das hat sie bis morgen vergessen.

 

 

 

 

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