Tag 30-34: Das Wendland oder „Der nächste Castor kommt bestimmt“

IMG_1411 (1) KopieZum Wendland gibt es eine Geschichte, die sich durch meine ganze Beziehung mit Paul zieht. Ich war gerade schwanger mit Emil, wir also auch erst kurz über ein Jahr zusammen – wir waren unsterblich verliebt und kannten uns trotzdem noch so wenig. Ich erinnere mich, dass eines Tages meine Mama anrief um mir mitzuteilen, dass sie und mein Papa und mein jüngerer sich jetzt auf den Weg ins Wendland machen würden um sich dort auf die Schienen zu setzen um den nahenden Castor zu stoppen. „So was haben wir schon lange nicht mehr gemacht,“ fuhr sie fort. „Und es fühlt sich richtig an sich mal wieder zu engagieren.“ Ich war sprachlos. Warum hatten sie mich nicht gefragt?

IMG_9549In den zwanzigern war ich ein wenig Orientierungslos. Ich wollte natürlich ganz viel bewegen, ganz viel ändern. Ich wollte mich immer und überall engagieren, gerne mal „dagegen“ sein, ständig alles ausdisuktieren. Selbstverständlich die spießige Kleinstadt verurteilen aus der ich kam, viel feiern und reisen und an diversen Projekten mitwirken und ich hatte den Reiz für emotionsgeladene Fotos auf Demonstrationen entdeckt. Ich war beim G8 Gipfel (wenn auch zur falschen Zeit am falschen Ort) und landete am Ende zum Glück in der Gründungsphase bei „Viva con Agua“. Lange Rede kurzer Sinn – Paul teilte meine rebellische Seite nur bedingt. Mied Konfrontationen und schien auch kein besonderes Interesse daran zu haben den Nachmittag mit seinen Schwiegereltern sitzend auf Bahnschienen zu verbringen, bis die Polizei einen herunter zog. Meine Mutter hingegen antwortete nur: Schwanger ist das verantwortungslos. Was ist, wenn was passiert?

IMG_1110 Kopie.jpgIch war enttäuscht. Ich weiß, dass ich unter der Dusche stand und ungerecht fand, dass „alle“ ohne mich fuhren, als Paul rein kam und sehr tröstend bemerkte: Ach, Schatz, der nächste Castor kommt bestimmt.

Bis heute ist dieses Paradoxon der erste Satz der fällt wenn wir vom Wendland reden. Es kam aber (glücklicherweise) keiner mehr. Und selbst die vielen gelben Kreuze des Protestes verfallen langsam in den idyllischen Vorgärten.

Das Wendland ist ein Phänomen. Es beginnt kurz hinter Lüneburg. Im Grunde gibt es keine richtige Autobahn Verbindung um dort hinzukommen. Und das scheint den Zauber des Wendlandes auszumachen. So nah an Hamburg, so idyllisch, so naturbelassen. Die Hamburger müssten sich die Finger danach lecken, wo sie doch auf der ewigen Suche nach dem perfekten Ferienidyll sind. Bevölkern bereits die Ostsee, Schleswig Holstein, das „Alte Land“. Nur im Wendland ist es still. Sehr still.

Wir stehen mit unserem Bus auf einer Wiese in Klein Kühren. Leider merke ich mir den Ortsnamen nicht und verfahre mich ständig, wenn ich unseren Platz nach den Tagesausflügen wieder suche. In Klein Kühren sind nur wir. Die Wiese ist überschwemmt, wenn man die Schiebetür des Busses morgens öffnet, sieht man noch den Nebel über der Elbe, neben unserem Bus grasen Rehe, über dem Wasser ziehen Kraniche vorbei. Der Hund hechelt auf Grund der vielen herumhopsenden Häschen im feuchten Gras.

Ins Wendland zieht nur der, der dem Charme erlegen ist und ihn für sich zu schätzen weiß. Vielleicht nur der, dem an Freiheit und alternativem Leben gelegen ist, der Lust hat Kamerun Schafe zu züchten, in der Stille Bücher zu schreiben und vielleicht der, der sich im Notfall auch auf die Schienen setzt um seine wunderschöne Region zu schützen. Und Menschen wie Kim. Kim ist vor acht Jahren mit seiner Familie aus Hamburg hierher gezogen und den Antik- und Designhof Wendland gegründet. Und bereut diese Entscheidung keinen Moment. Auf einem wunderschönen Hof umringt von riesigen alten Bäumen wird aus alten Industrie Möbeln, Werkbänken und Leuchtreklame neue Designstücke gezaubert. Wir können uns gar nicht satt sehen, dürfen die Werkstatt besichtigen und am Ende zu Idas Glück auch noch die Kamerunschafe „hüten“.

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Ins Wendland zieht der, der den Charme alter Häuser mag und riesiger Hallenhäuser, die sich hauptsächlich in den „Rundlingsdörfern“ finden. Eine architektonische Bauweise von Dörfern, deren Häuser im Kreis gebaut werden. Hier wachsen die Blumen so wild wie es ihnen beliebt, hier stromert man allein an Sehenswürdigkeiten wie der Dömitzer Eisenbahnbrücke vorbei, ja, ungelogen, hier ist Bullerbü. Und im Sommer radelt man an den Weizenfeldern vorbei und hört nur sich selbst summen, während im (mindestens genauso schönen) Alten Land sich mehrere Fahrradgruppen an einem vorbei klingeln.

IMG_1146 (1) Kopie.jpgNach drei Tagen wird mir schon von einem Bauern mitgeteilt, wir wären bereits Dorfgespräch: Die Leute sehen überall den Bus mit dem Fisch drauf, lacht er. Wir zuckeln entspannt über die Dörfer, halten wo uns beliebt, streunen durch Hitzacker (und glauben kurz, es sei Sonntag, weil wir ganz alleine im Ort unterwegs sind). Wir stapfen mit Gummistiefeln über die überschwemmten Elbwiesen, pflücken Butterblumen und basteln Gänseblümchen Kränze, während neben uns der Storch im hohen Gras nach Fröschen sucht.

Zu viel Werbung fürs Wendland gemacht? Lieber nicht. Denn im Grunde wünscht man sich, dass die Stille erhalten bleibt, das die Menschen, die sich dort gefunden haben unter sich bleiben, die Schriftsteller und Künstler nicht überrannt werden von Großstädtischen Ferienhausbesitzern.

 

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