ROAD TRIP mit Kindern

IMG_9039.jpgIm Grunde ist es ja der Inbegriff des Road Trips was wir momentan so machen. Aber es ist ein Road Trip mit Bus. Und das ändert vieles. Wir halten wo wir wollen. Wir schlafen zwischendurch oder Nachts auf Parkplätzen, wir können uns jederzeit eine Portion Spaghetti mit Olivenöl kochen, uns die Hände waschen, auch bei Regen alle an einem Tisch sitzen und puzzeln.

Manchmal, wenn ich im Stau stehen und selbst bei kurzen Ausflügen merke, dass wir noch Stunden brauchen um uns durch die Hamburger Innenstadt zu kämpfen, dann fahre ich von der Autobahn runter, suche den nächsten kleinen Supermarkt, kaufe Brot, Oliven, Käse. Stelle mich mit den Kindern in den nächstbesten Wald und lasse sie laufen.

Ich brauche gar kein Ziel. Nie hat sich der Satz „ Der Weg ist das Ziel“ so bewahrheitet.

Wir sind so frei. Wir wickeln uns in Wolldecken wenn uns kalt ist, wir zaubern einen Tisch und Stühle hervor, wenn die Sonne sich zeigt. Unter den Sitzen liegt immer der obligatorische Grill und ein Sack Kohle. In den Kinderschränken sammelt sich ein bisschen Ersatzkleidung, Regenhosen, Gummistiefel, Schnitzmesser, Eimer, Schaufeln und ein Fernglas.

Ich suche manchmal sehr lange nach einem Parkplatz in der Stadt. Manchmal parke ich so, dass zwischen mir und dem nächsten Auto keine zehn Zentimeter Platz sind. Ich kann durch die Schiebetür aussteigen, aber ich frage mich, wie mein Nachbar in sein Auto einstiegen soll?

Ständig fällt etwas aus den Schränken, wenn ich los fahre. Hundert Mal stoße ich mir den Kopf. Aber niemals mehr haben wir uns einen materiellen Traum so erfüllt wie mit dem Bus. Ja, andere Busse sind größer. Komfortabler. Andere Busse haben kleine Badezimmer. In anderen Bussen stößt man sich nicht so oft den Kopf – glaube ich zumindest. Aber unser Bus ist unser Bus. Der furchtbar hässliche Fisch drauf gehört ebenso dazu wie die Enge. Er fährt uns überall hin. Ganz zuverlässig. Alles darin ist unser. Abends kriechen wir in Betten mit unseren Decken. Es gibt ein paar auserwählte Kuscheltiere die das ganze Jahr im Bus leben. Wir trinken aus unseren Tassen, laufen barfuss über unsere Sitze, kochen unsere Nudeln. Er ist wie ein zweites Zuhause. Ein sehr kleines Zuhause.

IMG_1156.JPGAls Emil 3 Jahre alt war und Ida gerade neun Monate haben wir unseren ersten Road Trip mit dem Auto gemacht. Von hier bis an die russische Grenze. Ich schreibe gerade an einem Buch über diese Reise und erinnere mich manchmal mit Schrecken an unser vollgestopftes Auto. Aber auch an unsere Geduld. Kaum einmal haben wir mehr als eine Nacht irgendwo geschlafen. Jeden Abend alles ins Hotel tragen, Windeln, Gläschen, Reisebett, Taschen mit Kleidung, Schuhe. Jeden Abend alles aufbauen, sich zurecht finden, gucken, wo man noch etwas zu essen bekommt. Jeden morgen müde alles wieder zusammen bauen. Alles irgendwie wieder ins Auto quetschen. Je weiter wir gen Osten kamen, desto weniger schön waren die Unterkünfte. Ein vernünftiges Frühstück zu bekommen wurde zur Qual. Kein Bus mit Tisch, keine eigene kleine Kaffeemaschine. Kein Gefühl von Zuhause.

Immer kürzer haben wir die Strecken gelegt. Das Autofahren wurde zur Qual. Es war heiß. Die Kinder haben meistens aus Langeweile und Erschöpfiung geschlafen. Die Rache kam dann Nachts. Und selbst wenn wir irgendwo angekommen waren, ging es zurück ins Auto. Den nächsten Strand suchen. Den nächsten Spielplatz oder See? Danzigs Innenstadt, die Strände von Wollin, das Frische Haff. Die Kinder waren so genügsam und trotzdem plagte mich das schlechte Gewissen. Was wünschen sie sich denn vom gemeinsamen Urlaub? Strand, Meer, Zeit?

IMG_3024.JPGAls wir die Grenze erreicht hatten blieben wir da. In einem kleinen Haus am See. Es regnete tagelang. Es gab keine Cafés, keine richtige Stadt. Nur Wald, den See und uns. Da wurde mir erst bewusst, warum wir das gemacht haben. Weil es ums uns ging. Weil wir Tag und Nacht zusammen waren. Aufeinander Rücksicht genommen haben. Weil wir gelernt haben, aus dem langweiligsten Fußballfeld bei 40 Grad Hitze, aus dem grauesten Hotel, aus Regen und Hitze, aus Ruinen und Bauernhöfen ein Abenteuer zu zaubern.

Das wir uns ein Land zum allerersten Mal selbst erobert hatten. Keiner von uns war zuvor schon einmal dort gewesen. Wir wussten im Grunde genau so wenig wie die Kinder was uns erwarten würde. Und je enttäuschter wir selbst manchmal von der reise waren, desto größer wurde unsere Motivation es für die Kinder zu einem einzigen riesigen Abenteuer werden zu lassen. Wir haben gelernt wie lange man sich in Wäldern aufhalten kann, wie das Leben ohne Spielsachen funktioniert, wie wir aus einfachen Dingen tolle Gerichte kochen können. Ich erinnere mich mit so viel Liebe an unsere erste Nacht in Danzig. Emil und ich saßen nebeneinander auf dem Fußboden im Bad und schnitten Tomaten klein- Wir hatten ein wenig Geschirr in einem Picknick Korb dabei. Wir hatten keine Küche. Keinen Herd. Keine Spüle. Aber ein paar Teller und auf dem Markt gekauftes Gemüse. Und dann saßen wir bei Kerzenschein an dem kleinen Hoteltischchen, Ida schlief schon, und aßen. Und waren alle zufrieden.

IMG_3733.jpgTrotzdem habe ich daraus etwas mitgenommen: Kinder wollen gerne ankommen. Sie finden den Wald 300km weiter nicht spannender als den, in dem wir gerade sind. Sie fanden auch die Niagara Fälle nicht spannender als den kleinen Wasserfall an dem wir am Vormittag noch waren. Sie finden den Strand toll an dem wir ankommen. Sie suchen nicht noch nach einem besseren. Was habe ich die ersten Tage in Kanada innerlich gekämpft nicht ständig zu sagen: Hey, wisst ihr was wir noch alles sehen können?

Stattdessen sind wir geblieben wo wir waren. Mitten in der Wildnis von Ontario. Wir hatten den langen Weg von New York hierher zurück gelegt. Und jetzt würden wir bleiben. Und die Kinder rannten durch den Wald und haben niemals gefragt, ob es noch etwas anderes zu sehen gäbe. Das, was da war, war doch schon das größte Glück.

Road Trip mit Kindern? Kann man machen. Wenn man Kraft hat immer wieder Dinge zu zaubern. Wenn man ganz viel mit Worten machen kann. In den USA haben wir einen Abend auf dem Parkplatz eines riesigen Supermarktes verbracht. Die Kinder waren selig. So viel Platz zum rennen. So ein guter Blick auf die Sterne! Wir können fast alles auf der Welt zum Paradies erklären und wir können jedem Fleckchen Erde etwas spannendes entnehmen. Wir können uns zu jeder tristen Straße eine Geschichte ausdenken. Jeden Wald zum Räuberwald erklären, jeden Hügel zum Himalaya. „Wir sind Entdecker!“ hat Emil sich einmal gefreut. „Wir entdecken ständig etwas!“

IMG_3539.JPGAber als wir fast am Ende unserer Italienreise im letzten Jahr endlich in einer Bucht von Sanremo ankamen haben die Kinder wieder registriert wie wunderschön ankommen ist. Wenn man alle Wege alleine gehen kann, wenn man mit dem Rad herum fahren darf, jeden Tag ins selbe Meer springt, beim selben Gemüsehändler kauft und Freunde findet.

Ein Road Trip ist toll um ein Gefühl für Strecken zu entwickeln. Zuzusehen, wie die Landschaft sich verändert, die Kultur, die Architektur, die Landesübliche Kost. Wir haben die schönsten Ecken entdeckt als wir ohne Ziel unterwegs waren. Aber es muss gute Kompromisse geben. Lange Pausen. Mehrere Tage an einem Ort. Zeit, sich irgendwo – wenn auch nur kurz – Zuhause zu fühlen. Selbst Hotels in denen wir mehr als eine Nacht geschlafen haben, haben die Kinder sofort als „Zuhause“ bezeichnet. „Wenn wir Zuhause sind male ich ein Bild“.

Die Kinder wollen beides. Sie wollen entdecken und ankommen. Den Weg zu finden, ist manchmal schwer. Aber es geht.

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5 thoughts

  1. Toll und mitreißend geschrieben, und mit soviel Wahrheit! Kinder brauchen nicht viel- weder unterwegs noch daheim! Es geht nicht darum, immer auf der Suche nach „etwas Besserem“ zu sein, sondern den Augenblick zu leben- auch wenn das besonders uns Erwachsenen oft extrem schwer fällt. Gute Reise weiterhin!! Viele liebe Grüße! Claudia

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  2. „Ach, diese Blogs“, kommentieren manche, wenn ich ihnen erzähle, vom Lesen über das Leben mit Kindern. Und wenn ich deine Zeilen lese, dann weiss ich plötzlich wieder so ganz genau, was „diese Blogs“ sind. Sie sind für mich der Blick in andere Köpfe, die manchmal so gruselig ähnlich zu denken scheinen wie mein eigener. Du hast die große Gabe deine Gedanken in Worte zu fassen, die mich glauben lassen dich wirklich zu kennen. Das finde ich ganz wunderbar. Ende April brechen wir als Familie für einen Monat auf. Richtung Süden, und jetzt weiss ich auch wieder, warum wir nur eine ganz grobe Vorstellung haben, wohin wir reisen wollen. Wir wollen Familie sein, frei sein für diese wenigen Wochen. Jetzt freue ich mich umso mehr auf dieses Abenteuer. Ich danke dir!

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