Tag 27: Von wegen loslassen und ganz frei sein

IMG_0202 KopieEs fühlt sich ganz fremd an, schon wieder nicht im Bus zu schlafen. Aber fremd heißt nicht falsch. Eigentlich fühlt es sich sogar besonders gut an. Eine Dusche! Fließendes Wasser! Und das bei dem Sturm und Regen da draussen.

Nordsee ist nur minimal weiter entfernt von Hamburg als die Ostsee. Eigentlich (nein, nicht nur eigentlich) wohnen wir ziemlich perfekt. Darüber wollte ich ja auch noch mal was schreiben, nur wann

Mit der Ostssee verbinde ich immer weiße Häuser, schönen Strand, überall die Möglichkeit einen Kaffee zu bekommen, vielerorts auch Cocktails am Strand. Ja, schön ist sie die Ostssee. Und sie hat auch viele verborgene Seiten. Aber die Nordsee ist authentischer. Sie ist immer ein bisschen rauer. Durch die Gezeiten wirkt sie ein bisschen Furcht einflössend. Wenn die Flut mit Sturm zusammen kommt, einem der Regen ins Gesicht schlägt und man den heranrollenden Wellen zu sieht. Dir Nordsee scheint ein Paradies für Pferdeliebhaber zu sein – nirgendwo lässt es sich so gut reiten wir im Watt. Und, was mein Herz am höchsten beglückt: An der Nordseeküste wimmelt es derzeit von Lämmern. Lämmer, wohin das Auge reicht. Dieses weiche wollige Fell, diese Sprünge, die Mutterinstinkte der Schafe, beschützend, wärmend, nährend. Emil und Ida sind beide im Bus eingeschlafen und ich fahre die Landstrasse entlang, links der Deich und rechts die Lämmer, sitze alleine im Bus und lächele.

Wir sind das erste Mal ohne Pius unterwegs. Es fühlt sich seltsam an. Man hat eine Verantwortung weniger. Kein Hund, der im Fußraum herumwühlt, niemand, der Stöcker und ganze Äste mit in den Bus schleppt um sie da in seine Bestandteile zu zerbeißen. Niemand, der regelmäßig raus muss, koste es was es wolle.

Wir sind auf dem Weg zum Ferienhof Andresen. Und Haus-und Hofhündin Wendy duldet keine weiteren Hunde auf ihrem Hof. Verständlich. Die wunderschöne Jagdhündin genießt dort ein wirklich freies Leben, hat Haus und Hof mit einer ganz sanften Freundlichkeit unter Kontrolle. Unser wilder Pius dazwischen würde nur für Unruhe sorgen.

Unsere Wohnung ist wunderschön. Ich lass die Kinder kurz dort und hole das Gepäck aus dem Bus. Als ich zurück komme steht Ida furchtbar schluchzend und weinend im Windfang. „Was ist los?“ frage ich. Hat sie vielleicht nicht mitbekommen, dass ich gesagt habe, ich würde kurz zum Bus gehen. „An einem Bett sind Tiere und an dem andere nicht,“ schluchzt sie. „Und Emil sagt, er schläft in dem Bett mit den Tieren!“

Manchmal möchte ich solche Momente festhalten. Wie lange wird es sich noch anfühlen wie das größte Unglück der Welt, wenn man das Bett mit den Tieren nicht bekommt? Wenn jemand den Teddy weg nimmt? Oder den schöneren Stein findet? (Deshalb gab es auf Rügen Tränen bei Emil).

Die Welt dreht sich immer schneller, manchmal denkt man, es sei ständig Finster am Horizont. Flüchtlingskrisen, Machtwechsel, Kriege. Und dann gucke ich eine Dokumentation über Jugendliche im Alkoholrausch und am nächsten Tag über todkranke Kinder. Und überall lauern sie, Gefahren, Ängste, Krisen. Ist es da nicht das Schönste, über ein Bett zu weinen? Einen Horizont zu haben, der Tränen zulässt, wenn man nicht im gewünschten Bett schlafen kann? Und verleiht es uns nicht eine unglaubliche Macht diese Tränen zu trösten und dieses Problem sogar aus der Welt zu schaffen? (Das andere Bett stand am Fenster. Ich musste nur andeuten, dass man aus dem Fenster evtl. Tiere beobachten könne, da hatte Emil schon panisch „Ich nehm das!!“ geschrien). Wie lange können wir das noch? Wie lange reichen Umarmungen um all die Ungerechtigkeiten in dieser Welt ertragen zu können?

Das viele Reisen macht mich nachdenklich. Ich habe eine Art Midlife Crisis und versuche ständig sie in Worte zu fassen. Ich bin ständig von Paul getrennt. Und aus dem Alltag gerissen. Sollte es sich nicht genau umgekehrt anfühlen? Ganz frei, ganz losgelöst. Nur ich im Einklang mit meinen Kindern?

Auf dem Hof gibt es wirklich alles was das Herz begehrt. Und doch laufe ich hinter meinen Kindern her und beobachte sie wie sie die Tiere berühren. Mit was für einer unglaublichen Geduld, Zartheit und Liebe. Nie werden sie hektisch. Nie geben sie zu schnell auf. Emil verbringt ewig alleine im Stall der Meerschweinchen bis sich endlich endlich eines zu ihm heraus traut. Ich glaube nicht daran, dass man Kinder zu sanft erziehen kann. Ich glaube auch nicht daran, dass man mit Liebe nicht so inflationär um sich schmeißen sollte. Ich überhäufe sie mit Liebe. Aber manchmal beobachte ich sie und frage mich, wie der Rest der Welt das so wahrnimmt.

Als ich klein war, hatten unsere Nachbarn mal einen Wasserläufer in einem Einmachglas gefangen. Sie haben das Glas vor meinen Augen so lange geschüttelt, bis er tot darin herum schwamm. Ich habe zwei Nächte vor lauter Entsetzen und Trauer nicht einschlafen können. Ich sage nicht, dass das normal ist. Das man lernen muss mit solchen Situationen umzugehen. Aber im letzten Sommer hat Emil gesehen wie ein Kind einen Frosch mit einer Schaufel totgeschlagen hat. Tagelang war das immer wieder Thema. Das gleiche Entsetzen. Die gleiche Hilflosigkeit.

Natürlich ist Empathie wichtig. Aber es ist die gleiche Situation wie mit dem Bett und den Tieren. Das Gute sitzt eben nicht in jeder Ecke. Wer empathisch ist muss dann auch lernen sich einzusetzen. Ich habe das nicht getan. Ich habe still am Abend geweint. Und Emil hat das auch nicht getan. Er hat es uns unter Tränen erst viele Abende später erzählt. Ist diese Reise auch da um sie stark zu machen? Gerade jetzt, wo ich mit dem Eintritt der Schule doch so viel wertvolle Zeit verliere? Wenn erst mal alle in die gleiche Richtung laufen. Wenn man noch viel mehr zu einer Gruppe dazu gehören möchte?

Ich hoffe der Frühling bringt die Leichtigkeit zurück, die ich mir für diese reise eigentlich gewünscht hatte.

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