Tag 11: Lüneburg Teil 2, oder wie ätzend es manchmal ist alles allein zu organisieren

img_0025-kopieGestern schrieb ich als letzten Satz: So fühlt sich alleine reisen an. Ein paar Stunden später wusste ich wirklich, wie sich alleine reisen anfühlt

Aber vorweg:

Ich schreibe ja gerne darüber wie eng es im Bus ist. Einfach nur weil es der Wahrheit entspricht. Und es so ein bisschen wie mit Instagram ist: Wir finden diesen ganzen Gedanken ganz schön, dass es woanders immer so ordentlich ist, wie auf Instagram, aber im stillen freuen wir uns auch sehr, wenn wir erfahren: Nö, woanders ist es auch nicht immer nur toll, ordentlich, gemütlich, harmonisch und sauber. Und in unserem Bus ist es selten gemütlich, geräumig und sauber.

Da ich wusste, dass wir zwei oder drei Nächte bleiben würden, auf unserem romantischen Parkplatz beim Licht orangener Neonröhren, hatte ich angefangen mich auszubreiten. Den faltbaren Bollerwagen (mega super Erfindung übrigens. Liegt genauso viel im Weg wie ein Buggy, aber immerhin passen zwei Kinder rein und die Fototasche und Proviant) hatte ich einfach unter den Bus geschoben. Er war ja eh noch voller Matsch und Schnee. Die Kaffeemaschine hatte ich aufgebaut, alle Körbe mit Lebensmitteln irgendwo verteilt, weil im Schrank stehen sie gestapelt und man kommt nirgendwo ran. Wasser haben wir ja momentan keines, nur einen kleinen Kanister Trinkwasser, also sparte ich mir Abwaschen für irgendwann auf…. Frühling zum Beispiel.

Auf dem Tisch breitete ich Macbook, Kerzen, Schokolade und Getränke aus. Der Fußboden übersät mit Kinderbüchern, die Kindersitze irgendwie nach vorne geworfen, der Hund irgendwo da drunter. Wie viele Dinge man so verteilt, merkt man ja erst, wenn man mal fix aufbrechen muss. Das hatte ich aber ja nicht vor.

Kurz vor Mitternacht krabbelte ich zu den Kindern ins Bett. Sie schlafen mit den Köpfen über der Fahrerkabine. Ich anders herum. Sonst ist es zu eng. Es ist schon schwierig genug seine eigenen Decke über die Füße zu bekommen, ohne sie dabei einem der beiden Kinder ins Gesicht zu werfen. Da die Kinder ja die Fenster kaputt gemacht haben gehen leider auch die Rollos nicht herunter. Also einschlafen bei orangefarbener Parkplatzbeleuchtung. Trotzdem denke ich: Man, haben wir das gemütlich.

Eine halbe Stunde später wache ich auf. Was macht Ida da? Trinkt sie was? Nein. Natürlich trinkt sie nichts. Denn irgendwie wusste ich, es würde eines Tages so kommen, und jetzt war es mir innerhalb einer Zehntel Sekunde bewusst: Ida kotzt gerade ins Hochbett. Scheiße.

Es ist so eng, dass ich mich nicht umdrehen kann. Ida wimmert. Ich versuche an den Lichtschalter zu kommen. Ich stoße mich und reiße die Lichterkette runter. Irgendwie schaffe ich es mich aus dem Bett zu pulen, auf die Küchenzeile zu steigen und Ida herunter zu heben. Bloß nicht noch mehr ins Bett kotzen. Wir haben nur die drei Decken!

Ich ziehe die vollgekotzte Decke hinterher und tue das erstbeste: Ich werfe sie raus in den Schnee. Wohin auch sonst? Waschmaschine? Denkste. Öffentliche Toiletten? Keine Spur. Wasser? Haben wir noch ungefähr einen halben Liter. Scheiße.

Ich decke Ida mit der Wolldecke zu. Sie liegt auf den Sitzen und zittert. Weil die Tür so lange offen war? Ach Mist, der Hund ist weg. Der muss mit rausgesprungen sein. Was hat denn jetzt Priorität?

Ida trösten. Hund suchen. Wieder nach oben klettern und versuchen die Kotze wegzuwischen. Fenster auf? Ach nee, die sind ja kaputt. Emil schlummert friedlich weiter. Das Bettlaken ist nicht zu retten. Meine Decke auch nicht. Idas auch nicht. Und jetzt? Irgendwie muss frische Luft rein, ohne dass Ida erfriert. Draußen sind Minusgrade. Ich schmeiße auch noch das Kissen dazu und Idas Schlafanzug. Das mit dem Schnee fühlt sich gut an. Fast desinfizierend.

Ich bin hilflos. Tatsächlich hilflos. Wohin mit der ganzen vollgekotzten Bettwäsche? Woher neue Decken nehmen? Nicht mal genug Wasser haben wir noch. Wer zur Hölle reist denn auch im Winter???

Emil schläft und schäft und schläft. Kein einziger Mensch auf dieser Welt schläft so fest wie Emil. Das wette ich!

Rund um mich herum ist nur Parkplatz und Dunkelheit. Ich überlege und finde einfach überhaupt keine Lösung für mein Problem. Ich könnte unten das Bett aufbauen und mit Ida unter der einzigen verbliebenen Wolldecke schlafen. Aber auch nur, bis sie diese im Zweifelsfall auch vollkotzt. Und morgen? Wache ich dann auf, sehe hinaus und vor dem Bus stapeln sich noch immer vollgekotzte Decken. Scheiße.

Ida ist schon wieder weggedämmert. Und ich packe. Ich klettere im Schlafanzug durch den engen Bus und versuche ALLES was ich mühsam ausgepackt habe, wieder in Schränke zu verstauen. Ich fluche. Alles ist so furchtbar eng. Und stinkt! Was für eine blöde Idee mit der Reise! Das Geschirr in der Spüle stapelt sich viel zu hoch. Der Boden liegt voll mit Kram. Aus der Kaffeemaschine schwappt das Wasser, als ich sie zurück in den Schrank räumen will. Ach das Stromkabel! Ich tue etwas ganz beklopptes und renne barfuss raus, um den Strom zu kappen. Ich habe keine Ahnung unter welchem Berg meine Schuhe liegen. Man ist das kalt!

Ich klettere hoch und wecke Emil. „Emil,“ sage ich leise. „Ida geht es nicht gut. Wir müssen zurück nach Hamburg fahren. Kannst du runter kommen, dann baue ich dir einen Kuschelplatz auf deinem Sitz?“ Emil ist immer so verständig. „Ja, klar,“ antwortet er ernst. Dreht sich um und schläft weiter. Nein, nein, nein! Ich wecke ihn noch zwei mal. „Es stinkt hier,“ sagt er und klettert runter. Die einzige verbliebene Decke nimmt er mit.

„Du, Ida,“ wendet er sich an seine kleine Schwester. „Wenn du noch mal kotzen musst, kannst du dann auf den Boden kotzen und nicht auf meine Decke?“ Ida nickt. Und hält sich dran. Während der Fahrt nach Hamburg kotzt sie einfach auf den Boden. Kein Parkplatz, kein Rastplatz, keine Abfahrt weit und breit. Yippie.

Nachts um zwei kommen wir an. Natürlich gibt es keinen Parkplatz. Das zu glauben wäre ja auch wirklich utopisch. Paul nimmt die Kinder, ich und der Hund fahren so ungefähr 500 Mal im Kreis durchs Viertel. Dann parken wir irgendwo und tragen vollgekotzte Decken nach Hause. Im Bus lassen? Keine Option. Ich glaube, ich hätte nie wieder einsteigen können.

P.S.: Den Bollerwagen unter dem Bus haben wir im übrigen nur nicht vergessen, weil Paul es ungefähr noch unter 20 WhatsApp Nachrichten geschrieben hat.

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