Tag 10: Lüneburg Teil 1

img_0006-kopieAlso wenn ich eine Sache wirklich noch gar nicht gelernt habe, dann ist es packen. Es ist eine Aneinanderreihung von Kardinalsfehlern. Man könnte meinen ich würde von Erfahrungswerten profitieren. Dem ist aber nicht so. Nur um ein Beispiel zu nennen: Ich packe in der Wohnung die Kleidung für den Bus mit Vorliebe in einen Wäschekorb. Eine Tasche bietet sich nicht an, da ich im Bus ja alles direkt wieder auf die Schränke verteile. Zwei an der Zahl, die ungefähr die Ausmaße eines Verbandskastens haben. Ich trage besagten Wäschekorb zum Bus und stelle fest das jemand so stramm hinter mir parkt das ich die Heckklappe des Busses nicht öffnen kann. Ich muss also alles durch die Schiebetür hinein räumen. Und jetzt kommts: Eigentlich, ja eigentlich weiß ich ganz genau, dass der Wäschekorb NICHT durch diesen mordsmässig engen Gang zwischen Sitzen und Küche passt. Never. Wäschekörbe haben auch so gut wie keine Knautschzone. Da nützt auch Gewalt nichts, auch wenn ich es immer wieder versuche. Ich muss also jedes Teil einzeln rüber tragen. Das ist wirklich arg lustig. Und weil ich momentan das Hochbett nie zurück baue, weil ich es ja ständig nutze, stosse ich mir (ich weiß, es wird bald langweilig) mindestens bei jedem zweiten Gang den Kopf.

Ich sag super gerne so Sachen wie: Um neun sind wir hier weg. Und schleppe dann um elf selbstverständlich immer noch Wäschekörbe. Emil und Ida toben derweil immer schon durch den Bus und auf einmal wird mir schlagartig klar, warum meine Mutter es so gehasst hat, wenn wir vor langen Reisen immer schon eine Stunde vorher in dem noch viel kleineren VW Bus mit drei Kindern herumgeturnt sind, während sie noch Körbe mit Essen befüllt hat.

Wenn man los fährt ist dieser Stress schlagartig vorbei. Bis zur nächsten Ampel, wo noch einmal alles zu Boden rumpelt, was nicht niet und nagelfest war. Aber wenn dann endgültig alles liegt, dann macht es wieder Spaß.

img_0021-kopieEigentlich wollten wir in die Lüneburger Heide. Irgendwo in die Nähe des Wilseder Berges. Jemand sagte, es soll dort wieder Wölfe geben. Aber der Nebel paart sich mit Minusgraden und einem grauen Himmel und wir planen um. Erst Stadt, dann Land und ziehen los Richtung Lüneburg. Wenn ich die Elbe überquert habe, verlasse ich gerne die Autobahn. Es mag schon fast in Vergessenheit geraten sein, aber man kann tatsächlich auch nach Schildern fahren statt mit Navi. Manchmal führen die einen dann auch irgendwohin wo man gar nicht hin wollte, und das ist meistens der schönste Part am Reisen. Uns führt es in einen Wald, irgendwo 20 Kilometer vor Lüneburg. Ich weiß nicht, wie der nächste Ort heißt und es interessiert mich auch nicht. Mich innteressieren Waldeinfahrten, die nicht so furchtbar unvermittelt kommen, das mir jemand bei spontanem Einfall hinten reinfährt. Und deshalb wurde es dieser, und nicht der Wald davor, und der davor und vielleicht sahen sie alle gleich aus, aber in Emils Augen war dieses natürlich der Schönste.

Das schöne am Winter ist definitiv, dass man ständig allein ist. Mutterseelen allein. Wenn man den Bus irgendwo parkt, parkt nie jemand daneben. Wenn man durch den Wald geht, kommt einem über Stunden niemand entgegen. Nur Rehe und Hasen. Emil geht ein bisschen vor mir her, hochkonzentriert, mit ausgestrecktem Arm. Er hofft, ein Vogel würde darauf landen. Vielleicht ein Weisskopfadler, sagt er ernst. Den könne er dann mit nach Hause nehmen. „Ein Weisskopfadler würde doch gehen, oder?“ erkundigt er sich. „Oder würde die Katze den auch fressen?“ ich denke kaum. Ich kann aber das Ende der Geschichte schon vorweg nehmen: Es ist leider kein Weisskopfadler auf seinem Arm gelandet.

Durch das Unterholz laufen Rehe. Ida staunt, Pius auch. Jagdhundqualitäten scheint er keine zu haben. Er tigert hinter Emil über jeden Pfad, unter den niedrigen Tannen hindurch, verheddert sich in wilden Brombeeren und springt über ausgetrocknete Gräben. Pius Aufgabe liegt darin Emil zu begleiten. Und hundert herum huschende Hasen können ihn von diesem Unterfangen nicht abbringen. Ida sagt, sie möchte jetzt auch einen Weisskopfadler haben, aber einen Baby Weisskopfadler, der ließe sich besser kuscheln und sie könne ihn auch mal mit ins Bett nehmen. Ich nehme es noch mal vorweg: Auch sie hat keinen gefunden.

Wir essen im Bus. Abends poste ich ein Foto bei Instagram, was unseren schön gedeckten Tisch zeigt. Alle schreiben wie gemütlich es bei uns sei. Ganz ehrlich? 90% des Tages sieht es im Bus nicht annähernd so gemütlich aus. Pius stösst seinen Napf mit Wasser umd und tritt postwendend noch mal in die kleine Pfütze auf dem Boden. Das trägt dazu bei den Schlamm unter seinen Pfoten noch mal so richtig schön aufzuweichen. Danach hopst er mal so von links nach rechts und hierhin und dorthin und schon ist der ganze Bus voller Matschpfoten. Dazu gesellen sich Brötchenkrümel und die Marmelade aus dem Berliner (Ida, iss bitte über dem Teller. Ida, iss bitte über dem Teller, etc.). Noch fix ein wenig Orangensaft darüber kippen und auf ein paar herumtergefallene Weintrauben treten und es sieht aus wie auf jeder Reise. Willkommen in unserem Leben.

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Wir fahren weiter nach Lüneburg und finden einen Stellplatz. Wir sind nicht allein, ein paar Parkbuchten neben uns stehen zwei drei riesige Wohnmobile. Da drin sitzen zeitungslesend Menschen auf großen Sesseln an sauberen Tischen und trinken Filterkaffee. Wir sitzen auf 4 qm im Dreck, trinken auch Kaffee und könnten in der Enge niemals eine Zeitung lesen. Wollen wir aber zum Glück auch gar nicht.

Es sind Minusgrade, auf der angrenzenden Wiese liegt Schnee und die riesigen Pfützen sind zu Eis gefroren. Emil, Ida und Pius finden ihren Spaß daran auf dem Eis auszurutschen.

Lüneburg ist leer im Januar. Einen kurzen Moment dachte ich, es sei vielleicht Wochenende. Seitdem ich aufgehört habe zu arbeiten hab ich es nicht mehr so mit den Wochentagen und es fehlt mir auch so überhaupt nicht! Es ist aber nicht Wochenende sondern Mittwoch, 16 Uhr. In der Fußgängerzone tauchen dann doch noch Menschen auf. Ich finde „beschaulich“ ist ein sehr charakteristischer Begriff für Lüneburg. Ich bin sofort verliebt in die kleinen Häuser und das Kopfsteinpflaster und in die vielen kleinen Cafés, Bistros und Restaurants. Lüneburg ist eine Studentenstadt und ich habe immer zu Paul gesagt; Ich kann überall leben, auch in kleinen Städten, sofern sie eine Uni haben.

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Studenten beleben eine Stadt. Sie sorgen für Bewegung, sie verändern etwas, sie sind innovativ, sie suchen nicht nur, sie ermöglichen auch, gesucht zu werden. Das eine bedingt das andere. Irgendwo entsteht immer etwas Neues, etwas Anderes, etwas kleines, feines. Es gibt keinen Stillstand.

img_0120-kopieUnd ich stelle fest: Nicht nur der Hamburger sitzt bei den extremsten Wetterbedingungen immer noch gerne draussen. Der Lüneburger tut das auch. Vor den Restaurants sitzen die Menschen draussen, bei Wein und Bier. Es ist die sommerlichste Stimmung, die ich in einem Norddeutschen Januar jemals erlebt habe. Und Menschen, die das Leben zu nehmen wissen, wie es ist, die aus allem etwas Positives ziehen machen mich glücklich.

Ich empfehle tatsächlich einmal im Winter zu kommen und durch die ganzen kleinen Gassen zu schlendern, wenn es bereits dunkel ist. Wie wunderbar heimelig es sich anfühlt, in all diese erleuchteten Fenster zu schauen, einen Blick zu erhaschen in diese kleinen aber wunderschönen Häuser. „Ich würde auch sehr gerne in Lüneburg wohnen,“ stellt Emil fest. Dann noch so ein kleiner Weisskopfadler und das Leben wäre annähernd perfekt.

Wir machen uns auf die Suche nach dem Rathaus, denn dort, direkt an der Ecke mit Blick auf das imposante Rathausgebäude zieht sich der Lünebuch Laden über drei Stockwerke. Gleich mehrere Lüneburger hatten mich darauf aufmerksam gemacht, dass dies ein ganz besonders schöner Buchladen sei. Und tatsächlich, unabhängig aller weiterer Qualitäten: Er hat im Kinderbereich eine Rutsche! Und trotz Emils schlimmen Rutschen-Sturz vor zwei Wochen, samt Krankenwagen und nähen, eine Rutsche ist eine Rutsche und eigentlich nie von Nachteil. Und wer vom rutschen eine Pause braucht der kann in der kleinen Sitzecke darunter ein bisschen durch die Bücher blättern.

Die Lünebuch Buchhandlung ist im übrigen die erste, die uns Buchbegleiter mit auf die Reise gibt und wir haben uns sehr darüber gefreut.

Aber bei aller Liebe fürs Lesen – unmittelbar vor dem Bus gibt es Schnee und das scheint eine ähnliche Anziehungskraft wie Strand zu haben. Wo Schnee ist, gibt es keine Zeit zu lesen. Mir hingegen ist kalt. Ich mache mir einen Kaffee und lasse den Hund bei den Kindern. Ausserdem dürfen sie nur in Sichteite spielen. Es ist schon lange Dunkel, aber die Parkplatzbeleuchtung lässt sie noch in einem orangefarbenen Dunst erscheinen. Die Frage: Was kann denn der Hund? Stelle ich mir nicht mehr. Er tobt und rennt und wälzt sich vor Freude im Schnee aber so bald jemand ein paar Meter entfernt an der Wiese entlang flaniert, stellt er die Ohren auf und knurrt leise. Ich brauche nicht mehr fragen. Ich weiß, was er kann.

Zweite Sache, die ich nicht lerne: Kinder rechtzeitig ins Bett bringen. Man soll aufhören wenn es am Schönsten ist zieht in meinem Zeitplan leider immer vorbei. Und dann geht es wieder los. Schlimmste Tränen weil ich Ida zehn Minuten zu früh die Zähne geputzt habe, denn Emil wollte direkt im Anschluss. Nun sind aber besagt zehn Minuten vergangen und jetzt will Emil den Anschluss nicht mehr, sondern lieber schreien und heulen und Ida will sowieso gar nichts, außer auf den Arm, aber dafür ist nun wirklich kein Platz! Sie klebt an dem einen Bein, Emil wirft die Zahnpasta in die Ecke ich rufe innerlich: Hurra! Mit welch undankbaren Kindern ich doch gesegnet bin.

Zwanzig Minuten später schlafen sie. Pius auch. Ich habe kein W-Lan, keinen Fernseher (außer den Mini Fernseher mit einer einzigen, bereits einhundert Mal gesehenen Pippi Langstrumpf DVD). Ich lese, der Hund legt seinen Kopf auf meine Knie und draussen ist es weiß und still.

So fühlt sich reisen alleine an.

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