Tag 2 und 3: Kliemannsland

Irgendwo zwischen Hamburg und Bremen, knapp eine Stunde Autofahrt von uns entfernt liegt das Kliemannsland. Auch wenn Emil hundert Mal fragt, wie da das Wetter sei, kann ich versichern: Das Klima ist dem unseren doch sehr ähnlich.

img_7816-kopieGegründet hat das Kliemannsland Fynn Kliemann, bekannt als der „Heimwerking“ von youtube und wir kennen uns schier ewig, obwohl es wahrscheinlich doch erst ein paar Jahre sind. Das „Kliemannsland“ war ursprünglich Bauernhof und Gaststätte. Wie man es kennt auf dem Dorf: Platz für Feuerwehrfeste und Dorfbälle. Jetzt ist es ein Ort des kreativen Schaffens, rein darf nur, wer eingebürgert ist und, naja, und wir.

Es wird unsere erste Winternacht im Bus und ja, wir haben keine Winterreifen und ja, wir sind nicht ganz sicher wie lange die Standheizung hält, aber: wir haben bunte Teppiche erstanden und eine Lichterkette aufgehängt und die Kinder hüpfen auf engstem Raum durch den Bus und rufen: Oh, wie gemütlich!

Ich versuche Gummistiefel und dicke Jacken aus den Schränken zu kramen, und schmeiße ein paar Kuscheltiere auf das Bett. Schon sieht es fast so aus, als hätten wir so etwas wie Ordnung. Das Fressen des Hundes stelle ich vor den Bus, was dazu führt, dass stündlich jemand darüber fällt und alles verschüttet. Dummerweise habe ich vergessen, VORHER alle Campingstühle aus dem Bus zu räumen, denn ganz ehrlich, wer braucht die im Winter? (Als ich sie raus räume rufen die Kinder begeistert: Oh, essen wir draussen?) Es sind jetzt gerade noch 1 Grad Celsius. Ich füchte um die Sommerrreifen und die Kinder überlegen, ob wir draussen essen. ich bewundere sie dafür.

Wer einen Bus hat, der hat immer auch ein klitzekleines Zuhause. Immer. Egal wieviele Kompromisse man eingeht. Egal, wie klein, eng, manchmal kalt es ist. Es ist ein Zuhause. Etwas, wohin man immer wiederkehrt. Das einem bei Schnee, Regen, Kälte und schlechter Laune eine warme Hülle gibt. Ich liebe das. Egal wo ich geschlafen habe, bei Freunden mit im Zimmer, auf Luftmatratzen neben anderen im Zelt, im stillen habe ich mich immer nach einem kleinen Haus für mich gesehnt. Mein Haus. Einfach zu wissen, dass ich mich dahin zurück ziehen kann. Egal wann. Egal wo.

Mit sehr viel Optimismus fahre ich den Bus durch die Scheune auf den Hof. Es passt Millimetergenau, obwohl ich innerlich das Geräusch des zerschrammten Daches bereits höre. Aber nein, es passt. Und ich kann den Bus auf den Hof stellen. Ab jetzt gilt: Freiheit. Ich lasse den Hund raus und die Kinder. Den Bus lasse ich offen. Für alle. Ida zieht sich gerne mal zurück. Sitzt darin und spielt mit ihrer Puppe am Tisch oder malt. Jetzt aber rennt sie los.

„Fynn,“ sagt Emil aufgeregt. „Darf ich mal auf den Heuboden gucken?“

„Weißt du was,“ sagt Fynn. „Du darfst hier alles. Wirklich alles. Mach einfach worauf du Lust hast.“

Ida streicht einen Zaun. Niemand bevormundet sie. Sie hat einen Pinsel und streicht ausdauernd. Emil hilft Tannengrün zu schleppen. Pius rennt bis zur Erschöpfung. Viel zu viel Freiheit auf einmal für so einen jungen Hund – er weiß gar nicht so Recht wo er anfangen soll.

Hier wird aus einer Idee ein Projekt. Und daraus viele neue Ideen. Wer kommt, der hilft, wer eine Idee hat, setzt sie um. Links und rechts stehen noch zwei Camper. Im Haus ist wenig Platz zum schlafen. Aber es gibt Chilli und Christstollen und die Kinder lassen sich von allen Mandarinen pulen.

Ich habe kein Wasser im Bus, etwas das ich vergessen habe zu bedenken. Wir haben es im November abgelassen, damit der Tank nicht friert. Ich nehme einen Topf und hole mir Wasser im Haus. Die diversen Campingstühle, einen Tisch und den Grill habe ich unter den Bus geschoben. Was das im Winter bedeutet werde ich erst am folgenden Tag erfahren.

Wenn ich es jetzt noch schaffen würde, zwischen Sitzbank und Küchenzeile zu passen, dann könnte ich den Gashahn aufdrehen. Natürlich passt es nicht. Wie haben wir das im Sommer gemacht? Ganz einfach, wir haben alles ausgeräumt und Platz geschaffen. Aber jetzt ist der Boden feucht und kalt, alles was ich rausstelle wird mit Matsch wieder reingestellt. Ich quetsche mich noch mal dazwischen. Mir fällt der Holzdeckel auf die Finger, der die Gasfalsche abdeckt. Ich fluche. Campen im Winter? Vielleicht doch nicht so eine gute Idee? Die Kinder verstehen das nicht. Sie klettern ungehemmt über mich rüber und rufen so banale Dinge wie „Ich hab Durst!“ „Mama!! Ich krieg meinen Reißverschluss nicht zu!“ Ich koche innerlich. Wieso komme ich nicht an den verdammten Gashahn? Ich stoße mich wo ich nur kann. Morgen werde ich voller blauer Flecken sein. Scheiß Gasflasche. Scheiß kleiner Bus!

Ida steht mir gegenüber und sieht mir beim kochen zu. „Schön haben wir es,“ seufzt sie. Der Wasserdampf zieht bis zur Lichterkette hoch. Emil läuft immer noch im Dunkeln über den Hof. Ich werfe die Nudeln in das kochende Wasser und denke: Wie konnte ich mich über so einen lächerlichen Gashahn so aufregen? Das Leben im Bus ist wunderbar. Und urgemütlich.

Die Kinder decken den Tisch. Es geht gar nicht anders. Wir können nicht aneinander vorbei gehen, also bilden wir eine Kette. Es duftet nach frischer Pasta, Pesto und Oliven. Sogar eine Tischdecke haben wir dabei. Emil zündet eine Kerze in einem Windlicht an. „Doch gut, das wir nicht draussen essen,“ stellt er fest. Wie Recht er hat. Draussen ist es bereits ganz dunkel. Nur in der alten Eiche mitten auf dem Hof hängen vereinzelte Lampions. Es ist schön warm im Bus. Der Hund liegt auf seinem Schaffell im Fußraum und schläft.

Abwaschen scheitert wieder am Wasser. Und nun? Ich Stapel das Geschirr in der kleinen Spüle. Wenn ich es rausstelle kommen vielleicht Ratten. Ida sitzt umringt von Kissen und liest ein Buch, Emil sitzt mit den anderen draussen am Feuer. „Schade, dass wir keinen großen Garten haben,“ hat Emil mal gesagt. „Aber wir haben doch den Bus,“ habe ich geantwortet. „Die Welt ist unser Garten.“

Jetzt sehe ich sie. Die Freiheit, die Emil sich so wünscht. Rumlaufen, schnitzen, sägen, klettern. Wie lange können wir das noch machen? Wie lange können wir es aushalten, in dieser Enge? Uns reduzieren mit unserem Gepäck, unserem täglichen Besitz. Spielt das eine Rolle? Werden sie sich irgendwann auch wieder nach dem Alltag sehnen? Nach Routine, nach Kindergarten und Freunden? Nicht ständig wieder los?

„Wir sind jetzt Entdecker,“ sagt Emil. „Ich habe allen erzählt, meine Mama ist Fotografin und Entdeckerin. Keiner hat eine Mama die so was macht.“

Ida und ich gehen auch noch ans Feuer. Die Jungs pusten Mehl in die Flammen. Es verpufft mit hohen Flammen. Emil ist begeistert, Ida schläft darüber hinaus ein. Um halb zehn bringe ich die Kinder ins Bett. Sie liegen noch einen Moment unter der dicken Decke am Fenster und sehen zu den Lampions und zum Feuer hinaus. „Schade, dass wir nicht für immer im Kliemannsland wohnen können,“ sagt Emil. Zehn Minuten später ist es still. Klettern, entdecken, rennen und helfen macht müde. Ich habe keine Lust das Bett unten aufzubauen und lege mich zu den Kindern. Ich mag wie sie atmen und die Wärme die sie ausstrahlen. Wenn sie spüren, dass ich komme, rücken sie ganz dicht an mich heran. Als letztes mache ich die Lichterkette aus. Gute Nacht, Gemütlichkeit.

Der Hund will mehrmals Nachts raus. Was ist los mit ihm? Ich öffne die Schiebetür und sofort kommt eisiger Wind rein. Minus 5 Grad. Ich muss mal. Verdammt. Das Haus ist Nachts natürlich zugeschlossen. Ich trage nur ein T-Shirt. Ich ziehe mir eine Wolljacke über und springe barfuss aus dem Bus. Oh Gott, ist das kalt. Der Hund ist verschwunden. Mist. Es ist stockdunkel auf dem Land. Ich mag nicht so laut rufen, weil ich dann die Kinder wecke. Wieso haut der denn jetzt Nachts ab? Und Camper ohne Toilette sind im Winter eine einzige Katastrophenerfindung. Ich ziehe die Schiebetür wieder zu, damit es nicht kalt wird, fühle mich aber nicht gut, weil der Hund noch irgendwo da draussen ist. Das machen wir noch drei mal die Nacht. Immerhin muss ich nicht bei jedem mal auf die Toilette.

Morgens um sechs wache ich frierend auf. Irgendetwas stimmt nicht. Wieso ist es so still? Die Standheizung ist aus. Auch das noch. Draussen schneit es. Das Thermometer zeigt immer noch Minus fünf Grad. Und ich ohne Winterreifen! Wie schnell kühlt es wohl jetzt aus im Bus?

Die Kinder klettern in ihren dünnen Schlafanzügen vergnügt aus dem Hochbett. „Ich muss mal!“ Oh nein, nicht noch jemand der barfuss draussen im Schnee pinkelt. Camper ohne Toilette…. naja, das hatten wir Ja schon. Unter den hinteren Sitzen finde ich eine Tüte mit Sandspielzeug. Kleine Schaufeln, ein Kescher und ein Eimer. Hurra. Ein Eimer ist eine wirklich sinnvolle Erfindung. Die Kinder sitzen vergnügt mitten im Bus und pinkeln in den Eimer. So geht’s doch. Man muss sich nur zu helfen wissen. Jetzt muss zumindest nur eine Person raus in den Schnee.

img_8248Wir müssen auf jeden Fall fahren. Egal wohin. So lange wir fahren funktioniert ja die Heizung. ich muss nur vorher alles irgendwie wieder verstauen. Die Campingstühle, den Tisch, den Grill, die diversen Gummistiefel. Ich werfe einen Blick unter den Bus – alles ist gefroren. Wenn ich es jetzt in den Bus räume wird es tauen und alles wird klitsch nass sein. Damit wenigstens die Sitze verschont werden lege ich alles auf den Boden. Die Kinder und ich müssen drüber steigen. man ist das voll und eng. Ich muss lernen, mich über Chaos nicht mehr so sehr zu ärgern. Sonst schaffe ich das die nächsten Monate nicht.

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